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Amazonengeschichte

"Als die Zeit der Frauengemeinschaften im Nebel zu versinken drohte, als aus den friedlichen, von Frauen behüteten Siedlungen Verteidigungsanlagen wurden, verließen Frauen die Gemeinschaften, um die alte Ordnung wiederherzustellen: Die Amazonen, wie wir sie heute nennen. Ihr Stolz war nicht gebrochen, sie wollten nicht Mütter und Hüterinnen von Privatbesitz werden. Sie waren Freie, die umherzogen und nur ihre Gefährtinnen liebten. Wurden sie angegriffen, so konnten sie kaum besiegt werden, weil sie ohne Furcht waren." (Von Luisa Francia, aus dem Buch: Mond, Tanz, Magie)

Mir gefällt es, erst einmal ein Bild zu malen, Geschichten zu hören und zu träumen.. Amazonen sind oft eine Fläche, auf die viele ihre eigenen Gedanken projizieren. Angeblich sollen sie sich eine Brust abgeschnitten haben, um den Bogen besser führen zu können. Das erinnert mich daran, was über die "geharnischten Emanzen" alles für Schauermärchen erfunden wurden, damit die "normale Frau" ja nicht auf die Idee kommt, sich mit "denen" zu verbinden. Auch die Griechen erzählten ihren Frauen solche Märchen, sonst könnte die eine oder andere ja mit ein paar durchreisenden Amazonen durchbrennen.. Zumal vielen griechischen Frauen das Leben nicht besonders erquicklich gemacht wurde.

Obwohl es zu jeder Zeit Amazonen gegeben hat, die überall auf der Welt lebten, wird als Heimat der Amazonen Anatolien angegeben, wo die Amazonen große, wunderbare Städte bauten: Smyrna, Ephesos, Sinope.. Als griechische Eroberer nach Lykien kamen, dem ursprünglichen Stammland vieler Amazonen, wollten sie, daß dort ansässige Männer ihnen Paläste bauen sollten. Die kicherten aber nur und drucksten herum: Das könnten sie nicht. Auf die Vorhaltungen der Griechen, daß sie doch wunderbare Bauten in ihrem Land gesehen haben, lachten die Männer und sagten: Aber wir Männer können doch gar keine Häuser bauen, das machen nur die Frauen. Was die Griechen kaum fassen konnten. Berühmte Königinnen der Amazonen waren Hippolyte, Pentesilea, Myrine, Omphale... Für uns sind die Amazonen heute nicht nur deshalb wichtig, weil sie geschichtlich belegt sind und damit unzerstörbare Geschichte der Frauen sind, sondern auch, weil sie Klugheit und Stärke besaßen und sich auf alte Künste verstanden, die wir fast verlernt haben und von ihnen wieder annehmen können: Die Kunst des Fabelerzählens, der mündlichen Weitergabe von Geschichte, Mondfeiern und Feste der Göttin, bildende und darstellende Kunst. (Nochmal Luisa Francia, wie oben)

Angesiedelt wurden die Amazonen nach einer Version in Kolchis, wo beispielsweise auch Medea herstammt. Christa Wolf beschreibt in gleichnamigem Roman ein einzigartiges Frauenbild, stark, selbstbewußt, offen tragen sie dies auf den Straßen der Stadt und im öffentlichen Leben zur Schau, was für die Griechen absolut ungewöhnlich sein mußte. Frauen, unbeschränkt in ihrer Macht, autark, wenn sie sich nicht als abhängig sehen von der Gesellschaft und auch Willen und Kraft aufbringen, ihr den Rücken zu kehren, für ihre Unabhängigkeit ihr eigenes Reich gründen, das wirklich ihnen gehört. Andere Versionen woher sie ursprünglich kommen: Kaukasus - lebten wohl dann in Skythien oder Themiskyra.
Lyara

Gerade weil die Amazonen als "umgedrehte Männer" wahrgenommen wurden, (um die Gefahr des "anderen", nämlich der gynozentrischen Gesellschaften auszublenden) und so auch in die männliche Geschichtsschreibung eingegangen sind, ist das Wort "Amazone" und ein gewisses Bild noch allgemein vorhanden. Das können wir uns heute noch vorstellen; Die gleiche Gesellschaft, nur unter anderen Vorzeichen, doch bei Luisa Francia klingt es schon an: Sehen wir die Amazone als "G.I. Jane" und können nicht außerhalb eines "Krieges der Geschlechter" denken? Oder werfen wir einen Blick darauf, daß die Amazonen keine Söldner waren und zuhause weibliche Paschas, sondern daß ihr Leben, ihre Gesellschaft sich von diesen verzerrten Bildern völlig unterschied?

Der Name "Amazone" bedeutet wahrscheinlich "ohne (Vorsilbe "a") Gerste" (maza). Dies mag daran liegen, daß sie von der Jagd lebten und nicht allein vom Brotbacken. Das wird wohl auch einer der Gründe sein, warum sie Artemis verehrten, zum einen in ihrem Aspekt als Jagdgöttin, zum anderen wohl auch als Göttin des Lebens und weiblicher Stärke, die sich ebenfalls von der männlichen Gesellschaft losgesagt hat und mit sich allein und ihrer Schar weiblicher Begleiterinnen fern jeglicher patriarchalischer Gesellschaften die Wälder durchstreifte, dorthin, wohin ihr Einfluß nicht drang, wo sie wirklich frei sein konnte und frei gelassen wurde. Ebenfalls könnten sie Artemis als Artemis der Dreiwege gesehen haben, eine Göttin, die für Fruchtbarkeit stand wie für den Tod (bei den Griechen fielen diese beiden Aspekte eigentlich immer zusammen, als der Punkt, an dem sich der Kreis schloß, der Tod in neues Leben überging), eine Göttin, die wohl auch zu den Mysterien des Mondes und seinen Feiern paßte, eine Göttin, in der sie sich selbst wiedersahen und die sie verkörperten. (Lyara im Spinsters Corner, 20.7.01)

In gewisser Hinsicht stimmt es schon, daß die Amazonen andere Lebensgemeinschaften gründeten als das, was eigentlich unter Matriarchat verstanden wird. Es mag daran liegen, daß Amazonische Städte als eine Reaktion auf die stattfindende Patriarchalisierung gegründet wurden. Amazonen beschlossen also auszuziehen, das nicht mitzumachen und ihr eigenes Süppchen zu kochen.

Eine Sage aus dem Amazonasgebiet beschreibt das ganz gut:

Unter Anführung der mutigen Toeyza, Frau des Häuptlings, bildeten alle verheirateten Frauen eines Stammes einen Geheimbund des Jaguars gegen die Tyrannei ihrer Ehemänner. Denn die Männer zwangen die Frauen, ständig zu arbeiten, und demütigten sie täglich. (Der Jaguar ist das Tier des Dunkelmondes, des kosmischen Richters und Rächers von allem Unrecht.) Aber der Geheimbund wurde von drei Männern belauscht, und der Jaguar, das heilige Tier, vor den Augen der Frauen getötet. Daraufhin vergifteten die Frauen ihre Ehemänner und zogen durch die Wälder ostwärts in ein fernes Land davon. Sie nahmen Lebensmittel, Hängematten und Waffen mit sich, proklamierten ihre Freiheit und nannten sich "das Volk der Frauen" (Worisianas). Als sie von Freunden ihrer Männer verfolgt wurden, verteidigten sie sich erfolgreich mit Pfeil und Bogen. Zuletzt ließen sie sich nieder und gründeten ihr Reich in der Sierra Parima. Toeyza wurde ihre erste Königin. (Sage von www.matriarchat.net, "die Amazonen vom Amazonas")

Wären sie wirklich "umgedrehte Männer" gewesen, hätten sie Männer mitnehmen und quasi versklavt zuhause halten müssen. Das hatten sie aber nicht nötig. Es ist schon lustig, daß das auch heute noch oft so wahrgenommen wird: Frauen, die sich etwas eigenes aufbauen, die sich separieren, die eigene Räume aufbauen, wollen angeblich die Männer unterdrücken. (So eine weit verbreitete Angst). Frauen müssen aber die Männer nicht unterdrücken. Frauen können auch unter sich langanhaltende Gesellschaften gründen, sie sind sozusagen nicht von Männern abhängig. Habt ihr mal den Film "Antonias Welt" gesehen? Um sich zu vermehren, brauchen die Frauen nur mal mit einem Mann ins Bett zu hüpfen, und schon ist sie da: "The Next Generation".

Diese Geschichte wird auch über die Amazonen erzählt: Daß sie sich ein- bis zweimal im Jahr mit Männern von benachbarten Stämmen trafen, und die Söhne, die daraus hervorgingen, zu ihren Vätern schickten, die Töchter aber behielten und bei sich großzogen.

"Es gibt verschiedene Versionen, entweder bestanden die Gesellschaften fast ausschließlich aus Frauen oder die Frauen hatten die Macht, vielleicht gab es auch beide Formen in der einen oder anderen Ausprägung, so daß beide geschichtlichen Erzählungsstränge auf eine ähnliche, aber nicht dieselbe Grundlage zurückgehen. Oder vielleicht liegt es auch nur daran, daß die, die Geschichten erzählten, noch nie wirklich eine solche Gesellschaft gesehen und erlebt hatten, nur vermuteten und spekulieren konnten. Wenn ersteres der Fall ist, dann errichteten die Frauen gerade zu einer Zeit als der Machtzuwachs der patriarchalischen Gesellschaftsstrukturen begann, ein bewußtes Gegenkonzept, was die Männer wohl nur so ausschloß, um diese Einflüsse auszublenden, vielleicht schloß es die Männer auch gar nicht aus, nur welche Motivation hätten sie gehabt sich dem und einem solchen Auszuge anzuschließen?" Lyara

"Daß Amazonen sich eine Brust abgeschnitten haben sollen, wird mittlerweile von eigentlich allen Forschern bezweifelt und in Frage gestellt. Es resultiert wohl ursprünglich aus dem falsch verstandenen Namen der Amazonen (a-mazone=ohne Brust) - *schmunzelt* aber die Männer, die dies erzählten und damals Geschichte schrieben, denen die Amazonen unverständlich waren, wollten das wohl gerne, das Gerücht in die Welt setzen, daß dieses stolze, freie, selbständige und von ihnen unabhängige Volk sich verstümmelte, sich selbst seine Weiblichkeit nahm, diese ablegte, um diese Stärke und Kraft zu gewinnen, sich mit ihnen messen und neben ihnen existieren zu können, daß sie etwas so Kostbares wie die Heiligkeit ihres Körpers aufgaben und antasteten, um sich lossagen zu können, dabei war es doch gerade eine Besinnung auf die Stärke weiblicher Kraft und das Vertrauen darin, daß sie gerade nicht an sich zweifeln und sich die Macht nehmen ließen, die sie ihre eigenen Gesellschaften gründen ließ." Lyara

Was noch interessant ist, sind die Geschichten von Kriegerinnen, die von weit her kamen und Königinnen wurden. Eine davon ist die Königin der Tuareg gewesen, Tin Hinan, die als einsame Kriegerin nur mit ihrer Geliebten zu dem Volk der Tuareg kam. Wenn wir uns den Mythos der Regenbogenkriegerin Oya, eine Gottheit der Yoruba in Westafrika ansehen, so ist sie eine fremde Frau gewesen, die mit Reiterinnen von weither kam und eine rote (hellere - Nordafrika, Anatolien?) Haut hatte. Kann es sein, daß die Amazonen auch als "fahrende Ritter" umherzogen, und von den patriarchalen Invasoren noch unberührte Kulturen berieten und sie unterstützten? Mit der Zeit erhielten sie einen Platz in der Mythologie dieser Völker als Gottheiten oder legendäre, sagenumwobene Königinnen.

Eine Geschichte hat Lyara da noch hinzugefügt:

Dido

Die Geschichte der ersten Karthagerkönigin (ja, das mächtige Karthago, die einzige wirkliche Gegenmacht zu der Zeit als Rom seine Weltherrschaft erlangte) geht auf eine Frau zurück, die es anlegte, gründete, aufbaute und regierte - das Ganze allein ohne König an ihrer Seite, wozu auch, sie hatte die Macht, sie war respektiert, sie lehnte alle Angebote, die sie bekam, ab, sie kam allein zurecht. Dido ist nicht in Karthago geboren, sondern stammt als Königstochter aus Phönikien. Dort waren ihr von Anfang an nach dem Tode ihres Vater die gleichen Rechte wie ihrem Bruder, also zu gleichen Teilen zu herrschen, zugeordnet worden - ihre Erziehung hatte sie also nicht untergebuttert, sondern ihrem Bruder gleichgestellt, ihre Stärke nicht unterdrückt, sondern sie gefördert. Es kam nicht dazu, weil, als der Vater nun tot war, der Bruder alle ermordern ließ, von seinem Onkel bis zu Didos Gatten hin. Dido hätte nun den Kampf suchen können, wohl eher um ihr Leben fürchten müssen, wenn sie blieb, es hielt sie hier auch nichts mehr, sie hatte all ihre Lieben verloren und so machte sie sich auf den Weg. Eine Frau, ja, durch die antike Welt, als Führerin, auf der Suche nach einem neuen Reich. Sicherlich wird der geneigte Leser nun meinen, das kann sie doch sicherlich nicht alleine geschafft haben, aber sie wird, da ihr Mann nun verstorben war, eine andere starke männliche Hand an ihrer Seite und zu ihrer Stützung verspürt haben, schließlich war sie doch eine zarte Königstochter aus patriachalischen Gesellschaft, ihr kann doch nicht solche Kraft, solcher Wille gegeben sein... tztztz... natürlich hatte sie Hilfe und Unterstützung, eine Mitführerin, ihre Schwester Anna, die mit einer Schar von Phöniziern bis schließlich an die heutige Stätte Karthagos gelangten. Dort bewies Dido, das sie nicht nur willensstark, sondern darüber hinaus auch klug ist, als sie mit einem Trick beim Landkauf dem König von Nordafrika genug Land zum Leben abluchste. Die Stadt erblühte unter ihrer Führung, wuchs und gedieh, sie bewies, daß sie dies konnte und vermochte, der Grundstein zu Karthagos späterer Macht wurde von ihr der Sage nach gelegt, ihr dieser Weg geebnet. Leider hat die Geschichte kein "Happy-End" so wie deine Erzählung vom Auszug der Frauen. Dido unterliegt Aeneas... nicht im Kampf, nicht in einem offenen Messen der Kräfte, sondern als sie ihn liebt und ihm vertraut und er sie verrät und verläßt. Sie verkraftet es nicht, läßt einen Scheiterhaufen entzünden, verbrennt sich bei lebendigem Leibe und verflucht Aeneas und die Stadt, die er gründen wird. Lyara

Es gab also Amazonen, die aus dem frühpatriarchalen System ausbrachen, und Amazonen, die mit ihrer Lebensweise auf die Invasion von patriarchalen Stämmen reagierten.

Autorinnen: distelfliege und Lyara

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