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»Amazonen der Steppe
Am 6. Juni 2004 begann das ZDF (German Glotze) mit einer Sendereihe über Amazonen.
»Link zu Artikeln über die Sendung*. Die Archäologin Jeannine Davis-Kimball ist bei der Untersuchung von Grabhügeln von alten nomadischen Kulturen in der asiatischen Steppe auf Frauenskelette mit Waffen gestossen, die auf 2300 Jahre datiert worden sind. Das ist ungefähr die Zeit als auch die Amazonen der Mythologie lebten.

Nun ist die Steppe im asiatischen Teil Russlands und der Mongolei ja sehr weit weg von Kleinasien und der Türkei, wo die Amazonen den Legenden nach lebten. Der Theorie nach könnten die Amazonen aber nachdem die Griechen ihr Reich bis in die Türkei hin ausgebaut hatten, über das Schwarze Meer in eben diese Länder, die heute das östliche Russland sind, abgezogen sein. (Jedenfalls laut dem Geschichtsschreiber Herodot).
Wenn ich mich so durch den Artikel lese, kommt mir der Gedanke, daß vielleicht auch die existierenden Kriegerinnen der Steppe, deren Gräber Davis-Kimball gefunden hat, das Amazonen-Bild der Griechen beeinflussten. Was Wahrheit ist und was Dichtung, ist schwer zu sagen.
Etwas wortwörtlich an den Haaren (oder Zellen der Mundschleimhaut) herbeigezogen finde ich die Tatsache, daß sich in dem Bericht sehr auf die angebliche blonde Haarfarbe der Amazonen versteift wird. Und - welch Freude - auch in der Mongolei gibt es ab und an blonde Kinder. Sofort fragt sich der ZDF-Bericht "Sind das nun die Nachfahrinnen der Amazonen?" Was erwarten die ZDF-Leute eigentlich? Daß nach Jahrtausenden, selbst wenn "blonde Kriegerinnen" aus dem griechischen Mythos in die mongolischen Steppen ausgewandert sind, wo schließlich auch Leute lebten, die Amazonen sich quasi in "Reinzucht" schön brav erhalten hätten?
Aber zu anderen Schlussfolgerungen: moderne (Frauenspiri-angehauchte) Mythen über die Amazonen gehen ja lieber davon aus, daß die Amazonen Kriegerinnen waren, die im Kontext der untergehenden matriarchalen Hochkulturen gedacht werden müssen. Die letzten Bastionen des Matriarchats, wo die Frauen zu den Waffen greifen. (z.b. im Roman "Amazone" von Barbara Walker) Ich weiß allerdings nicht, auf welchen archäologischen Beweisen solche Romane und Legenden aufbauen. Ich fürchte, auf keinen, außer eben, daß sich diese Sicht schön einfügen würde in andere, ebenfalls spekulative Theorien.
Sind die Amazonen jetzt ein Mythos, hinter dem die Realität "Steppen-Nomadenkriegerin" steckt, dann kann dem wohl kaum so gewesen sein, daß sie die letzten Matriarchate verteidigen wollten. Leider kenne ich die Forschungen von Marija Gimbutas nicht und habe nur aus zweiter Hand darüber gelesen. (Wenn jemand "Die Zivilisation der Göttin" zuhause hat und das Buch nicht mehr braucht... *gg* bitte melden) Die untersuchten Grabhügel, die "Kurgans" dienten Marija Gimbutas nämlich sogar als Label für eine Kultur russischer Steppennomaden des Altertums, der "Kurgan-Kultur".
Die Kultur, um die es jetzt geht, ist halt um einiges älter als die "Steppen-Amazonen", aber scheint die Form der Grabhügel zb mit diesen gemeinsam zu haben. Die "Kurgan-Kultur" die Marija Gimbutas meinte, existierte auf diesem Gebiet vor rund 6000 Jahren. Ein Zitat von Marija Gimbutas (aus: Brigitta M. Schulte: Der weibliche Faden. Geschichte weitergereicht; 1995 (S. 24):
"Das war eine Zeit, in der ich sehr viel in Europa herumgereist bin. Ich habe selbst an vielen Stellen Ausgrabungen durchgeführt und geleitet, zwischen 1967 und 1980 fünf grosse in Osteuropa. Ich mußte mich fragen, was das denn war, was wir da fanden. Diese Kulturen waren so anders, in keiner Weise verwandt mit denen, die ich aus Süd-Russland kannte. Viehzüchter, eine kriegerische Kultur, die Pferde hatte und Wagen. Was ich in Nord-Griechenland und Südost-Europa ausgrub, war eine Ackerbau-Kultur mit wunder-, wunderschöner Töpferware, hunderten von - Tausenden von Skulpturen, Figurinen, Tempel-Modellen und anderen wunderschönen Dingen."
Und auf S. 25:
"Sie gibt dieser Kultur (Anm. Distel, der Anderen, nicht der Kurgan-Kultur) einen Namen: "Old Europe", "Alt-Europa" in Anlehnung und Abgrenzung gegen "Indo-Europa". (...)
Für Marija Gimbutas lebten zwischen 6500 und 3500 v.u.Z. verschiedene Gesellschaften zwischen den Karpaten und dem Norden Griechenlands, zwischen dem Adriatischen Meer und dem heutigen Bukarest unter der selben Norm, im selben Geist."
Ich glaube, ich muss ein paar Dinge erklären, weil das nicht gut rauskommt durch diese beiden kurzen Zitate: Also, vor 6000 Jahren gab es dort, wo die antiken Griechen später lebten, und anderswo in Südeuropa und Süsrussland, die Kulturen des "Alt-Europa". Friedliche, matriarchale Ackerbaukulturen, die "Zivilisation der Göttin". Und in den russischen Steppen die kriegerischen "Kurgan-Kulturen", die für Marija Gimbutas die Vorfahren der Indo-Europäer sind. Diese Indo-Europäer sind wahrscheinlich dann nach Süd/West gezogen und haben die matriarchalen Kulturen des "Alt Europa" patriarchalisiert.. beeinflusst.. wie genau, wissen wir nicht.
3000 Jahre später sind die Leute auf dem Gebiet des ehemaligen "Alt-Europa" patriarchalisiert - die Gesellschaftsordnung der Griechen ist ja zur Genüge überliefert. Und die "Kurgan-Kulturen"? Das sind jetzt die Amazonen?
Jeannine Davis-Kimball hat ja Kriegerinnen nachgewiesen bei den Steppennomaden. Und hochgestellte Persönlichkeiten waren sie wohl noch dazu. (Allerdings lebten die schon drei Jahrtausende später als die, die Gimbutas erforscht hatte). Aber die Kurgan-Kultur, die wohl kaum was anderes als der Vorläufer der NomadInnenkultur die Davis-Kimball unter der Lupe hatte, kannte Privatbesitz, hatte männliche Hauptgötter, und weibliche Gottheiten waren keine Schöpfergottheiten sondern "Ehefrauen und Schönheiten" und alles deutete auf ein patriarchales soziales System hin. Wenn sich also die Kurgan-Kultur mit der Kontinuität entwickelt hat, die im ZDF-Bericht suggeriert wird, glaube ich kaum, daß diese Amazonen die WidersacherInnen des Patriarchats gewesen sind. Wenn, dann waren diese Nomadinnen-Amazonen wahrscheinlich genauso patriarchal wie die Griechen, oder ähnlich.

Aber es gibt viele Theorien zu den Amazonen. Über Amazonen im Gebiet des heutigen Arabien, am Amazonas in Südamerika.. mir persönlich fehlt leider jetzt das Puzzlestück der 3000 Jahre zwischen den Proto-Indo-Europäern (Kurgan-Kulturen) von Marija Gimbutas und den Amazonen von Jeannine Davis-Kimball, aber es gibt ja noch den guten alten Herodot, der meinte, die Amazonen seien abgezischt nach dem Osten übers Schwarze Meer, und vielleicht ham sie ja den Leuten von der Kurgan-Kultur gezeigt, was 'ne Harke ist.. bzw ein Langbogen.
Distel, 25. Dezember 2004
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