
»Startseite
»Cerridwens Kessel
»Matriarchat
»Catal Hüyük
Als zwei junge Laien-Matriarchatsforscherinnen letztlich im richtigen Leben durchs Berliner Museum für Vor- und Frühgeschichte wanderten, fanden sie ein Bild aus Catal Hüyük. Ein Raum aus einer Stadt, mit Stierköpfen an den Wänden. Es sah so ähnlich aus wie dieses hier:
Doch der Name der Stadt wurde dort nicht genannt, noch die Geschichte des Ortes, irgendwie ging dieses eine Ausstellungsstück unter in einem Raum mit Vitrinen, wo der ganze Kleinasiatische Raum auf 15 Quadratmetern zusammengedrängt war.. Wo es um Fürsten ging, um Helden und Löwen.. und ganz verschämt in einer Ecke das Bild einer "Vegetationsgöttin".
Catal Hüyük wurde deshalb so bekannt, weil es "die erste Hochkultur" - das heißt eine große Stadt - im Neolithikum (der Jungsteinzeit) war. (7 - 10 000 EinwohnerInnen) Was man heutzutage halt als Hochkultur bezeichnet.. die Megalithkulturen in Europa zählten zB nicht dazu, weil diese armen Primitiven eben aus unserer Sicht beurteilt werden, wo es heißt: "Je ähnlicher die Gesellschaft der westlichen Industriegesellschaft, umso höher die Kultur".
Später wurden aber viele ähnliche Siedlungen gefunden, die aber nie so bekannt wie diese Stadt wurden. Allen gemeinsam war die neolithische Symbolik der Großen Göttin: Statuetten der Göttin wurden gefunden, an vielen Orten Stierköpfe. Manche waren mit Lehm überzogen und trugen ein rotes Dreieck auf der Stirn.
Kurz ein wenig "trockene Archäologie" :
"1958 entdeckte J. Mellart in der Konya-Ebene den neolithischen und chalkolithischen Doppelhügel von Catal Höyük. Bis zu dieser Entdeckung nahmen die ForscherInnen an, daß die Konya-Ebene im Neolithikum nicht bewohnt war. Der Hauptausgrabungsgrund war, daß es die Besiedlungslücke zu füllen schien, die in Hacilar vor dem Eintreffen der spätneolithischen Bevölkerung festgestellt wurde. Ferner sollte die geographische Lücke zwischen Mersin und Hacilar geschlossen werden. Das hier vorgefundene hohe kulturelle Niveau, mit "entschieden städtischem Gepräge" (Mellaart, 1967) überraschte die Fachwelt über alle Maßen. Mellaart datierte die von ihm zuletzt ausgegrabene Schicht X zunächst auf ca. 6500 v.u.Z. Spätere tiefergehende C14 - Untersuchungen korrigierten dieses Alter auf 624 + - 99 v.u.Z.. Die neuere Methode der Dendrochronologie (s. im Glossar "Kalibrierung") ermöglichte schließlich die Datierung auf 7250-6150 v.u.Z.. Auch die Landwirtschaft Catals befand sich schon in den unteren Schichten auf so hohem Niveau, daß Mellaart eine lange Vorgeschichte frühen Ackerbaus, die bis zum Anfang des Protoneolithikums (10.-9. Jahrtausend) zurückreicht, annimmt. (s.a. 4.5.1.)" Quelle: »Gabriele Uhlmann: Die Große Göttin*
Das heißt nichts Anderes als daß die Stadt alt war, sehr alt. Und daß sich bisher niemand hat vorstellen können, daß Menschen damals schon Städte bauen konnten. Diese Städte hatten keine Mauern..
Laut einer älteren Definition setzt eine Hochkultur die Existenz von Herrschern und Beherrschten voraus. "Sie (die Stadt, A.d.V.) entsteht, wenn handwerkliche und andere Arbeiten nicht mehr von den Personen verrichtet werden, die auch den Boden bearbeiten, sondern von Personen, die von der Feldarbeit befreit sind und die durch den Überschuß der landwirtschaftlichen Produktion erhalten werden. Auf diese Weise bildete sich der Gegensatz zwischen zwei sozialen Gruppen heraus: der zwischen Herrschern und Beherrschten. ..." (Leonardo Benevolo 1975)
Soo, ist ja klar, anders können wir uns das ja nicht vorstellen. Als Benevolo das schrieb, wurde Catal Hüyük ignoriert, und der Begriff "Stadt" galt nicht. Catal wurde "protourbane Großsiedlung" genannt. Was für schöne Namen die Forscher doch erfinden, um ihre Wahrheiten beibehalten zu können...
Marija Gimbutas schreibt in ihrem Buch "Die Zivilisation der Göttin" daß die neolithische Periode Städte und Zivilisation kannte, und sie knüpfte beides an einfache Dinge: Feste gebaute Siedlungen waren Städte, Zivilisationen sind Kulturen, in denen die Menschen folgendes erreicht haben: "Die generative Basis jeder Zivilisation liegt in ihrem jeweiligen Maß an künstlerischem Schaffen, ästhetischen Errungenschaften, immateriellen Werten und Freiheit, die das Leben sinnvoll und lebenswert machen, sowie in einem ausgeglichenen Verhältnis zwischen den Geschlechtern."
Die ganze Stadt ist ein PriesterInnenviertel!Als Mellaart die ersten Ausgrabungen in Catal machte, dachte er, er sei in einem Priesterviertel gelandet, und bei weiteren Grabungen würde er auf anders strukturierte Häuser stoßen. Häuser der Handwerkenden, der Bauernleute... In der neuen Grabungsperiode konnte diese Vermutung allerdings nicht bestätigt werden. Die ganze Stadt ist einheitlich strukturiert, von einem Zentrum keine Spur. Hierarchie im "alten" Sinne oder gar Tempelherrschaft hat es in Catal nicht gegeben. Alle Häuser waren Wohnhaus und Tempel in einem.
Auch im Museum für Ur- und Frühgeschichte in Berlin wurde der Raum "Schrein" genannt. Keinerlei Hinweise darauf, daß in diesen Räumen Menschen auch wohnten, und daß in jedem Haus ein solcher Raum existierte.
"Çatal Höyük, das als der größte neolithische Siedlungshügel der Welt gilt, wenn auch nicht der älteste, ist nie erobert oder auch nur angegriffen worden; Spuren kriegerischer Aktivitäten sind nicht zu finden. Unerforscht sind die Umstände, unter denen der Siedlungshügel schließlich verlassen wurde, was ebenfalls zahlreichen Spekulationen Raum läßt." Quelle: »Gabriele Uhlmann: Die Große Göttin*
Die Menschen von Catal bauten nicht für die Ewigkeit; ihre Häuser behandelten sie wie Lebewesen.. sie wurden gebaut, und jedes Jahr mit einer neuen Schicht Putz wie Jahresringe versehen. Die Archäologen fanden 100-150 Schichten Putz in vielen Räumen. Irgendwann wurde das Haus absichtlich abgebrannt, mit Schutt aufgefüllt und darauf ein Neues gebaut.Dadurch entstand die Hügelstadt.
Die Toten wurden in den Häusern selbst beerdigt, unter Plattformen, auf denen die Leute schliefen, unter den Herden. Es scheint so, als hätten die BewohnerInnen die Stadt als Heimat von allen gesehen, und sie hatten sicher keine Angst vor den Geistern ihrer Vorfahren. Wenn Basis "Grund" bedeutet, dann war dort sicher alles auf dem Grund gebaut, den die Vorfahren geschaffen hatten. "Dies entspricht der konkreten Vorstellung vom chthonischen (=der Erde angehörend) Charakter allen Lebens wie aller toten Masse, wonach die heilige Erde als Große Göttin gibt, und auch wieder in sich aufnimmt." (Quelle: s.o.)

Oben siehst du die bekannteste Statuette der Göttin. Viele Forscher sahen in ihr eine Schwangere oder Gebärende, wie Forscher generell jegliche Darstellung einer Frau als "Fruchtbarkeitsidol" abtaten. Mellaart, der erste Ausgräber, sah in ihr eine, die ein männliches Kind gebärt. Forscherinnen widersprechen dieser These: Kaum eine der wohlgenährten Urgöttinnen ist mit einem Kind dargestellt. Dieser Punkt zwischen ihren Beinen kann Mann als Kinderkopf interpretieren. Aber ich sehe dort auch nur einen Punkt und kein Kind. Ich sehe eine thronende, stolze dicke Göttin mit zwei Leopardinnen an ihrer Seite. Ich sehe keine Magd und keine Mutter im biologischen Sinne. Die beiden Leopardinnen (Löwinnen gabs wohl in Anatolien damals nicht) sind die tierische Verkörperung der Doppelgöttin, die weiter unten noch besprochen wird.
Hier bestätigt Marija Gimbutas höchstpersönlich, was SilberElfe mal zur Überbetonung der Fruchtbarkeit in Frauen - Spirikreisen gesagt hat: "Marija Gimbutas ist es gelungen, die Figurinen der Steinzeit zu kategorisieren. Die Figurinen Catals lassen sich nahtlos in dieses System einordnen. Sie deutete den steatopygen Typ, ob schwanger oder nicht, als Erdmutter, oder Kornmutter, deren Beeinflussung der Fruchtbarkeit sich nicht auf Vermehrung der Menschen, sondern auf die der Feldfrüchte konzentriert. Sie ist die lebenbringende "Creatrix". Die hier gezeigte Figurine wurde tatsächlich in einem Kornbehälter gefunden, damit ist der Bezug eindeutig." (Quelle siehe oben)
Es gibt aber noch ein zweites Gesicht der steinzeitlichen Göttin: Marija Gimbutas nennt sie die "steife weiße Frau" - sie ist oft aus hellem Stein und steht mit starrem Blick nach vorn und verschränkten Armen da. Sie ist die Verschlingende Göttin, der Aspekt, der das Leben einsaugt, die Todesgöttin. Hier ist ein Bild von ihr - ebenfalls aus Catal:
In den Räumen waren die Wände rot bemalt, es fanden sich Stierköpfe und Eberzähne und Frauengestalten als Reliefs. Bilder der Göttin waren in den Räumen stilisiert, weniger realistisch als die kleinen Idole.

Alle Leserinnen mögen sich diesen Satz von Gabriele Uhlmann auf der Zunge zergehen lassen: "Wie "Weiblichkeit" auszusehen hätte, war jedoch in Catal Höyük, wo nicht nur viele fat ladies gefunden wurden, noch nicht gesellschaftlich festgelegt, so sind die Relief-Darstellungen der, wie Gimbutas sie nennt, Frosch-Göttin und Wandbilder von Jägerinnen weitgehend "kurvenlos". Eindeutige Weiblichkeit wird in Çatal Höyük vor allem durch Brüste und Schoßdreiecke angedeutet. Aber auch die "geschlechtslos" anmutenden Figurinen und Abbildungen Çatal Höyüks sind im Kontext als weiblich identifizierbar"
Endlich ein Notnagel für James Mellaart, nach dem er sich durch hunderte von Göttinnendarstellungen wühlen mußte, triumphiert der Archäologe endlich: "In den Gipsreliefs erscheinen nur Göttinnen in Menschengestalt, wogegen Stiere und Widder als eindrucksvolle Verkörperungen männlicher Fruchtbarkeit das männliche Prinzip vertreten. (1967, S.105) Der Eindruck, den selbst die Überreste dieser Ausstattung noch hinterlassen, ist der schreckenerregender Manneskraft, und man darf annehmen, daß es sich hier um eine der männlichen Gottheit geweihte Kultstätte (gehandelt hat)."(1967, S.141, zit. nach Uhlmann)
Einerseits waren alle gehörnten Tiere Mondtiere, da ihre Hörner wie Mondsicheln gedeutet werden können, andererseits gibt es eine verblüffende Ähnlichkeit zwischen der Form eines Stierkopfes und der Gebärmutter und den Eierstöcken. (Fast)Jede von uns hat einen Stier im Bauch.
In den Wandmalereien werden sie als der Todesaspekt der Göttin dargestellt. Noch immer sind Geier in Geschichten und Märchen Symbole des Todes. Die dunkle Göttin als Eule oder Geier ist auch in nachfolgenden Kulturen erhalten geblieben.
Wenn's Euch gefallen hat: Dieser Text ist mehr oder weniger eine Zusammenfassung eines wunderbaren Artikels über Catal Hüyük von Gabriele Uhlmann. Wenn du den ganzen Artikel lesen möchtest, bitte »Hier entlang.* Er ist ziemlich lang, aber sehr interessant geschrieben und baut Brücken zu vielen anderen Themen, wie zB der Kult der Göttin in der Jungsteinzeit und allgemeines zu Matriarchat. Am Ende findet ihr eine ausführliche Literaturliste.. also, es lohnt sich wirklich!
Zusammenfassung von Distelfliege»Startseite
»Cerridwens Kessel
»Matriarchat
»Catal Hüyük
»nach Oben