
Eine junge Frau ging einmal nach nach langen Jahren in das Land, aus dem ihre Familie stammte, um ihre Tante zu besuchen. Sieben Jahre waren vergangen, seit sie sie zum letzten Mal gesehen hatte. Die Tante, die sie als Mädchen mitgenommen hatte, um auf Schafwiesen nach Thymian und Kümmel zu suchen, die ihr von ihren Reisen bunte Steine, Muscheln und Lieder mitbrachte. Jetzt war sie erwachsen und ihr fiel nicht ein, warum sie ihre Tante so lange nicht besucht hatte.
Voller Vorfreude kam sie in das Haus, und sie wurde herzlich empfangen in dem Haus voller Frauen. All ihre Unsicherheit lag auf ihr wie ein Schleier, die Narben vom Kampf des Erwachsenwerdens kaum geheilt, ihr Gefühl, nichts wert zu sein, denn sie hatte keinen Beruf, keinen Reichtum, kein Ansehen.
Aber die ältere Frau lachte und sah nur das Gute in ihrer Nichte, sie entdeckte die Fähigkeiten der jungen Frau, nahm sie wie kostbare Schätze in die Hände, staubte sie ab und legte sie aufs Fensterbrett, wo sie im Sonnenlicht funkelten, daß alle sie sahen. Die junge Frau war gerührt und überwältigt.
Nach einer kurzen Zeit im Haus der verrückten Frauen, die nicht auf den Status sahen, sondern auf das, was eine kann, kehrte sie zurück nach Hause, wie auf Wolken schwebend lebte sie in den Tag hinein. Doch noch bevor ein neuer Mond am Himmel stand, erreichte sie die Botschaft, daß ihre Tante gestorben war.
Noch einmal machte sie sich auf den weiten Weg, und kam in das Haus, das jetzt seltsam leer war, wo die Frauen ausziehen wollten, wo das Holz nicht gehackt war und der Kräutergarten bald Vergangenheit sein würde.
Die Familie und Besucher wanderten herum, christliche Gebete murmelnd, und zankten sich um den Besitz, um dies und jenes, obwohl ein jeder schon viel mehr besaß, als die Frauen in dem Haus. Die junge Frau stand abseits, mit Bitterkeit erfüllt, da sah sie es auf dem Fensterbrett glitzern. All ihre Fähigkeiten lagen noch dort! Sie hatte sie beim letzten Besuch dort vergessen. Heimlich steckte sie die Schätze in die Tasche ihrer geflickten Jeans, vorsichtig, denn sie fürchtete den Neid und die Gier der Versammelten. Aber niemand hatte etwas davon bemerkt.
Erst Monde später, als die Schätze auf ihrer eigenen Fensterbank lagen, merkte sie, daß es mehr waren als zuvor: Ihre Tante hatte ein paar von ihren Schätzen für ihre Nichte zurechtgelegt, und als sie sie hastig eingesteckte, hatte sie es nicht bemerkt.
Da begriff die junge Frau, daß sie eine große Erbschaft gemacht hatte. Und sie beschloß, all diese Schätze in Ehren zu halten. Was soll ich noch sagen? Im Laufe eines Jahres entstand bei der jungen Frau ein neuer, wunderschöner duftender Kräutergarten.
Diese Geschichte ist wahr, ich habe sie erlebt.
Sie handelt davon, daß wir Frauen unsere Fähigkeiten kleinmachen, sie mit Dreck überhäufen, damit sie ja niemand sieht, und davon, wie und von wem wir sie uns zurückholen können.
Schwestern, werft eure Schätze nicht weg,
staubt sie endlich ab und macht euch auf die Suche
nach den kostbaren Dingen, die euch von den alten
Frauen hinterlassen wurden.
Und gebt die Schätze nicht der Herrschaft,
denn dort wissen sie sie nicht zu schätzen.
Autorin: Distel :-)