
Nein, dies wird kein kulturwissenschaftlicher Beitrag, sondern ein persönlicher Text. Über das Rot, den Tanz und den Tod. Esoterischer Supermarkt. Alle Göttinnen sind eine Göttin. Oder? Nun. Kali nicht. Kali ist Kali. Ihr Name als ein Schrei des Triumphs in meinem Kopf.
Namen, Wörter haben Kräfte. Durga. Kali. Maya.
Diese Kräfte sind schwer zu beschreiben, aber manchmal bekommt eine ein Gefühl dafür, manchmal kann eine es ahnen, manchmal trifft es eine mitten in die Seele. Diese Schönheit, die aus ihren rotglühenden Augen leuchtet.
Intensität. Rote Kraft, orgasmische Wirbel in Blau-Schwarz.
Armed with sword, spear, club, discus, conch , bow, arrows, slings and iron mace, you are terrible( and at the same time) you are pleasing, yea more pleasing than all the pleasing things and exceedingly beautiful.
(Devimahatmyam, 78-81)
Ich habe erst einmal versucht, mich über Kali schlau zu machen. Ja, "schlau machen" - aber schlau machen heisst nicht wirklich, eine Erfahrung machen. Nach Streifzügen durchs Internet, durch meine Bücher und Foren folgte ich dem Rat einer Freundin, ignorierte die Warnungen anderer Freundinnen und lud Kali einfach ein.
Ein Blutrausch war das.. Ich in meinem Blutrausch von Vollmondin und Menstruation, zusammen mit einem leeren Raum, aus dem ich gerade alle meine Habseligkeiten und Möbel entfernt hatte, ein paar Töpfen Pigment (Mitternachtsblau, Tiefrot, Schwarz und Weiss), einem Besen, Räucherkram und einem Schellenband für mein Fussgelenk.

Ich habe mir kurz gewünscht, ich hätte eine Trommel dabeigehabt, statt dessen fand ich mich vor diesem Bild, das irgendwie an die Wand gekommen sein musste, in einem Fluss aus Pigment schaufeln, mit Wasser vermischen, an die Wand reiben, Kreise schwingen, Hauer in blitzendem Weiss formen.. ich fand mich wieder vor diesem Bild, das mich einzusaugen schien, und es stellte sich heraus, daß Besen doch Rhythmusinstrumente sind.
Ich kann mir vorstellen, dass Kali so einiges durcheinanderwirbeln kann. Keine leichte Energie. Nicht ungefährlich, aber für diejenige, die beherzt ist, die Lust hat, die wild ist und sowieso im Menstruationswahnsinn, mag Kali, die Sau, viel weniger bedrohlich sein als vielmehr unheimlich geil. Ein paar Dinge sollte man auch für sich behalten *grins*
Ich würde sagen: Versuche es, wenn du wirklich willst. Versuch es einfach, stürz dich rein, aber dabei solltest du nicht zögern und dich nicht umdrehen, und keine Verarschungen. Kali lässt sich nicht verarschen. Vergiss "Sicherheitsregeln" oder irgendwelche Vorkehrungen die dir dein Seelenheil im Notfall bewahren sollen, sonst wirst du sie brauchen. In den Wind schlagen sollte man sie sicher auch nicht, in dem Falle wäre die beste Sicherheitregel: Lasse mer lieber die Fingers davon.
Fahren wir nun lieber fort mit Informationen, denn Erfahrungen muss jede selber machen. Wir hatten eine sehr informative Diskussion im Spinster's Corner dazu, die ganze Debatte findet ihr hier: Kali-Ma, Durga
Dazu schrieb Uhanek:
1) in den (mir bekannten) Tantras symbolisiert "männlich" die Form und "weiblich" die Energie (die Shakti) des Absoluten; "absolut" entspricht im Hinduismus die unerkennbare höchste Gottheit und im Buddhismus die Leerheit.
2) das Göttliche in seinem ruhenden, passiven Aspekt ist Brahman; in seinem aktiven Aspekt ist es Shakti; Brahman und Shakti sind untrennbar, so wie die Sonne und ihr Strahlen. Im buddhistischen Tantra entspricht der männliche Formaspekt der Methode und der weibliche Aspekt der Weisheit und den Ausdruckformen von Energie.
3) der tantrische Weg weist auf das, was hinter der Begrenzung und dualistischen Aufspaltung liegt, also auch jenseits von Gut und Böse, Hell und Dunkel. Ist die Darstellung einer Gottheit "friedvoll", so ist damit ein ruhiger, eher passiver Zustand ausgedrückt. Ist die Gottheit "zornvoll", so bezeichnet dies etwas sehr machtvolles und dynamisches. Je zornvoller, desto dynamischer. Eine zornvolle männliche Gestalt drückt daher Dynamik und Macht im Bereich der Form (etwa Anwendung bestimmter Regeln etc.) aus. Eine zornvolle weibliche Gottheit symbolisiert besonders gewaltige Energieströme.
4) Attribute des Zornvollen sind Tier- und Menschenhäute, menschliche Gliedmaßen und Schädelgirlanden. Dieser Art Schmuck symbolisiert den Bereich des Relativen. Der Kopf ist ein Symbol für Körperlichkeit (in ihm sitzen unsere wichtigsten Sinne und natürlich die "Zentrale") und Aktivität des konzeptuellen Geistes, also des mit Begriffen operierenden und die Wekt interpretierenden Geistes. Eine mit Schädelketten geschmückte Gottheit zeigt, daß sie jenseits des Konzeptuellen ist. Häute von Raubkatzen symbolisieren Leidenschaft, Häute von Menschen das Ego.
5) Rot hat die Bedeutung "Macht", "Energie", "Lebenskraft", "Feuer", "magnetisierend"; Schwarz hat die Bedeutung "machtvolle Schnelligkeit", "Unaufhaltsamkeit", "Tat"
Diese ganze Symbolik mit den Schädeln und den Waffen, die Kali trägt, ist also gar nicht so zu verstehen, dass sie ein mordlustiges Montrum wäre. Gewaltige Energie.
Dazu gibt es die Geschichte, wie Kali "geboren" wurde, aber ich nehme an, dass es in der Zeit vor der Niederschrift des Devimahatmyam noch andere Geschichten und Mythen gegeben haben muss.
Die Geschichte geht in ungefähr so:
Einmal waren die Devas (Götter) bedroht von einer grossen Armee von Asuras (Titanen, Chaotische Mächte). Die Devas hatten eigentlich keine Chance, gegen die wilden Asuras, die von einem stierköpfigen (!) König angeführt wurden. Sie zogen sich also zurück und beschlossen die Devi um Hilfe zu rufen. Die Devi ist laut mehrerer Quellen die Gesamtheit aller göttlichen Mächte. Alle Göttinnen sind Aspekte von Devi. Die Devas standen also da und strengten sich alle sehr an, und in einer Art gemeinsamen Meditation schafften sie es, die Devi aus ihrem Licht entstehen zu lassen. Quasi haben die alle "zusammengeschmissen" und damit selbst die Devi verkörpert, das ist aber nu meine Sichtweise auf diese Geschichte.
Devi nahm ihre Gestalt als Durga an, eine grosse Kriegerin, und wo die Devas alle zusammen nichts ausrichten konnten, mähte sie die Asuras nur so nieder. Nur der König mit dem Stierkopf hatte eine magische Gabe: sobald sein Blut den Boden berührte, entstand ein neuer Mann in den Reihen der Asuras. Je mehr Durga also auf die Asuras losging, umso mehr wurden es.
In der Hitze ihres Zorns rief Durga ihre mächtigste Erscheinung: Kali, die Zerstörerin. Aus Durgas Braue sprang Kali. Sie war so schwarz wie die Nacht, in einem Tigerfell, und trug eine Halskette aus Schädeln, einen Rock aus abgeschnittenen Köpfen, und war mager, sah aus wie eine aufgestandene Leiche.
Sie war die Raserei selbst. Mit der Leidenschaft einer Muttersau die ihre Kinder beschützt, begann sie die Armee der Asuras zu fressen. Kalis Hunger und ihr Blutdurst waren für den Sieg notwendig. Sie frass all die neuen Gestalten des Titanenkönigs, trank das Blut aus seinen Wunden, so daß er sich nicht mehr verdoppeln konnte, und am Ende frass sie ihn selbst auf.
(frei nach dem Devimahatmyam-Epos)
Im Devimahatmyam steht Kali in ihrem Aspekt als hagere Zerstörerin - aber andere Gesichter von ihr sind schön, jung, und wieder andere sind blutig und lustvoll. Kali ist Durga, und Durga ist Devi. Aus hinduistischen Quellen habe ich keine konkreten Hinweise auf Kalis älteren Mythos gefunden, aber in einem Seminar, das ich mal an der Uni genommen habe, gab es schon Hinweise darauf, dass in regionalen Kulten, wo Hinduismus und alte "Stammesreligion" sich vermischen, Kali als eine viel ursprünglichere Göttin verehrt wird, als eine archaische Kosmos-Göttin.
Ich habe Kali auch als die "dunkle Mutter" erlebt, wie ich sie einmal in einer Yoruba-Geschichte erzählt bekommen habe: Die Matrix des Chaos, und Matrix als der Kessel, in dem sich das, was ist, formt, und der das, was ist wieder verschlingt.
Wenn man sich mal manche Kali-Darstellungen anschaut, ist auch die Symbolik der Menstruation nicht zu übersehen: eine lange, heraushängende rote Zunge, und Hauer wie eine Wildsau.