
»Startseite
»Cerridwens Kessel
»Matriarchat
»gynozentrische Gesellschaften
"Das Matriarchat ist eine Gesellschaftsform, in der Frauen alle Bereiche der Gesellschaft prägen und dominieren, in der sie aber nicht herrschen." (Heide Göttner-Abendroth: das Matriarchat)
Der Begriff "Matriarchat" erscheint so, als ob wir nur unsere Gesellschaft, das Patriarchat nehmen müssten, und mit vertauschten Rollen haben wir dann ein Matriarchat. Das ist ein Irrtum. In diesem Sinne hat es wirklich ein Matriarchat nie gegeben.
Um dieses Mißverständnis zu vermeiden, sprechen viele Forscherinnen von "gynozentrischen Gesellschaften" also Gesellschaften, die Frauenzentriert sind. Ich habe mich einmal mit einer Uni-Professorin unterhalten, und sie meinte, Matriarchate sind geschichtlich nicht bewiesen. Aber als es um gynozentrische Gesellschaftsformen ging, hieß es: "Ach sooo! Lesen Sie mal dieses und jenes Buch, da ist das sehr schön belegt.. " Tja, die Zauberworte der Wissenschaft.
Eine hat diese Wortschöpfung nicht mitgemacht und verwendet den Begriff "Matriarchat" einfach trotzdem. Und jetzt erzähle ich mal etwas davon, was sie so zusammengetragen hat:
Was bedeutet es nun, daß die Frauen dominierten, aber nicht herrschen? Heide Göttner-Abendroth hat dazu Beschreibungen des Ethnologen Christian Sigrist über eine afrikanische Gentilgesellschaft ausgewertet. Dort gibt es sehr wohl Autoritätspersonen: Führung ohne Herrschaft bedeutet, daß die Führer der Stämme keine "Exekutive" bei der Hand haben, um auf Normbrüche offiziell zu reagieren. Sie vertreten den Stamm nach außen, jedoch müssen sie jede Entscheidung der Gruppe zur Billigung vorlegen.
Es gibt dieses Buch "Begrabt mein Herz an der Biegung des Flusses" (Dee Brown) über den "wilden Westen" aus indigener Sicht, wo eine solche Geschichte geschildert wird, allerdings in der schrecklichen Extremsituation, in der sich viele indigene Völker im damaligen Nordamerika befanden.
Ein Häuptling geht zu Verhandlungen mit den Weißen. Die Weißen wollen das Land und stellen ihn vor die Wahl, friedlich und unter schlechten Bedingungen in einem Reservat zu leben oder der Vertrag wird nicht unterschrieben. Der Häuptling weiß, daß die Weißen dann seine Gruppe auslöschen werden.
Er "unterschreibt" also mit Kreuzchen und Fingerabdruck, und kehrt zurück nach Hause. Dort ist ein jüngerer Mann schon kräftig am agitieren, und eigentlich wissen viele, daß in Reservaten der Tod schleichend ist, und sie möchten ihm folgen, da sie lieber schnell sterben als langsam zu verhungern. So. Der Häuptling ist also plötzlich kein Häuptling mehr.
Viele diskutieren, aber sie müssen sich entscheiden. Schließlich redet der alte Häuptling auf sie ein, daß solange sie leben, noch Hoffnung ist, daß sie später noch kämpfen könnten. Scheint ganz gut anzukommen, und einen Haufen Anhänger folgen ihm. Er ist wieder Häuptling. (Anmerkung: Nicht alle indigenen Völker in Nordamerika waren gleich strukturiert, es gab auch feudale Gesellschaften. Das nur um nicht eine "Indianerromantik" heraufzubeschwören...)
Die Leute müssen dem Häuptling also nicht gehorchen. Nicht mit in den Krieg ziehen? Die freie Entscheidung jeder einzelnen Person.
Bei den Weißen heißt diese selbstverständliche Entscheidung "Desertieren" und darauf stand der Tod, viele Soldaten waren Arme, die wie Vieh als Söldner verkauft wurden... Ein ziemlich drastischer Vergleich über den Unterschied zwischen Herrschaft und Autorität.
Natürlich war diese Militärmaschine kräftemäßig überlegen. Ist sie also ein Fortschritt gegenüber den herrschaftsfreien Gesellschaften? Nein, danke.
Wie gehen solche Gesellschaften mit Normbrechern um? Sie bekommen sozialen Druck dadurch zu spüren, daß die Leute z.B. mit denen, die ihr Eigentum nicht teilen wollen, auch nichts mehr von den anderen kriegen. Sind sie reich, riskieren sie auch Übergriffe auf ihr Eigentum.
"Hier wird deutlich, daß die Gleichheit kein unbewußtes Naturgesetz ist, sondern ein bewußtes Streben nach Aufrechterhaltung dieser Gleichheit betrieben wird."
(Heide Göttner-Abendroth: das Matriarchat)
Unter normalen Umständen kann es in einer Gentilgesellschaft nicht zu Herrschaft kommen. Die Mitglieder haben eine Abneigung gegen Befehle. Anordnungen müssen von der Zustimmung aller getragen sein, sonst werden sie einfach boykottiert.
Soweit ich das verstanden habe, heisst eine Gentilgesellschaft (Das bedeutet, die Gesellschaft ist in Sippen oder Clangruppen organisiert, über Clans von Verwandten) alleine noch nicht daß es eine gynozentrische Gesellschaft ist. Oder eine "Geschlechter-egalitäre" (wo beide Geschlechter gleichberechtigt sind, bzw. die Macht auf beide Geschlechter verteilt ist). Dafür ist z.b. die Frage wichtig, wie sich die Clans formieren, und damit auch die Frage "Ziehen wir zu dir oder zu mir?"
In Matriarchalen Gesellschaften, die möglicherweise vom Beginn der Menschheitsgeschichte durch die ganze Steinzeit, bis in die Zeit der Waffen hinein (Bronze- und Eisenzeit..) und in Enklaven bis heute bestehen, lebten die Menschen in Clangruppen.
Dabei gab es die unterschiedlichsten Formen des heiratens oder überhaupt keine Heiraten. Wichtig ist, daß die Abstammung von der Mutter hergeleitet wird, und daß die Töchter im Clan der Mutter bleiben und der Besitz des Clans dadurch von den Müttern auf die Töchter weitergegeben wird.
In einem anderen Text hier "»Wie wurden Frauen zu Privatbesitz" kommt das auch vor, was für Vorteile die matrilineare Erbfolge im Gegensatz zur patrilinearen Erbfolge hat.
Im Grunde genommen gab es keine Scheidungskinder! In den Clans übernahm oft der Bruder der Mutter die Rolle des sozialen Vaters und war den Kindern ein männliches Vorbild. Was heißt eigentlich "der Bruder" und "die Mutter". In so großen Clans gab es immer einen Haufen Frauen und viele Brüder, die Kinder hatten also einen Haufen Verwandtschaft um sich rum.
Im Gegensatz dazu sind heute alle Mütter Alleinerziehende, von den Alleinerziehenden ganz zu schweigen.. *g* sehr ironisch, daß in einer Gesellschaft, in denen die Väter sich kaum um die Kinder kümmern davon zu reden, daß in einer matriarchalen Gruppe vielleicht kein "Vater" zur Hand ist...
Männer und Frauen konnten sich also kurz oder länger binden, oder auch nicht, ihre Kinder wurden ihnen nicht weggenommen.
Heide Göttner-Abendroth hat das so beschrieben:
"In der Familienstruktur war die Mutter - Tochter - Beziehung zentral. Eine matriarchale Sippe umschloß drei Generationen von Frauen und zusätzlich die Männer, die als Söhne oder Brüder noch in der Sippe wohnten. Eine Vater - Sohn - Beziehung gab es nicht, da die biologische Vaterschaft unbekannt oder bedeutungslos war. Die Brüder waren dagegen die sozialen Väter der Kinder ihrer Schwestern, die sie im Rahmen der Sippe miterzogen. Emotional stand die Mutter - Tochter - Beziehung allen voran, ebenso innig war die Schwester - Bruder - Beziehung. Die Gattenbeziehung war demgegenüber nebensächlich, sie reichte (oft, Anm. von Distel) über flüchtige Begegnungen nicht hinaus. Eine feste Eheform gab es nicht. Der Mann war im Matriarchat anerkannt als Sohn oder Bruder und als Vertreter der Sippe und des Stammes nach außen. Eine Rolle als Gatte oder (biologischer Anm.D.) Vater, als Oberhaupt oder Herr gab es für ihn nicht. Daher ist die Konstellation Mutter - Tochter und Schwester - Bruder, wo immer sie auftaucht, klassisch matriarchal, während die Konstellation Vater - Sohn und Gatte - fremde Gattin als klassisch patriarchal zu gelten hat." (Heide Göttner - Abendroth: Für die Musen. s.28)
Mit diesem Hintergrund sollte frau die Geschichte von Demeter, Persephone und Hades nochmal lesen..
»nach obenLeute wie James Frazer (Der goldene Zweig) und Robert v. Ranke-Graves (die weiße Göttin) haben dieses Muster, welches sich in vielen antiken und älteren Religionen findet, beschrieben. Der Begriff "ritual pattern" kommt von James Frazer.
Heide Göttner-Abendroth hat dann versucht, dieses ritual pattern, das Frazer noch ziemlich männerzentriert sieht, weiterzuentwickeln.
Im Ganzen läuft es so ab: Die Urmutter, die große Göttin des frühen Matriarchats entwickelte sich im Laufe der Jahrhunderte zu einer Triade. Die grundlegenden Aspekte, die heute noch von Frauen verehrt werden, waren: Jungfrau, Mutter/Liebende und alte Frau. Die englischen Wörter sind auch sehr schön: "Maiden, Mother, Crone." Manche schreiben: Jungfrau, Nymphe, weise Frau. Nymphe steht hier für die Liebende, die erwachsene Frau mir voller sexueller Potenz. (Daher kommt schließlich das Wort "Nymphomanin"!) Für mich bietet das den Vorteil, daß auch wir Frauen, die keine wilden Teenager mehr sind, sich in dem Muster wiedererkennen, ohne das das Muster wieder eine Verpflichtung bringt (Mutterschaft). Kreatives Potential und sprirtuelle Mutterschaft muß nicht unbedingt auf biologische Mutterschaft folgen. Vielleicht sagen wir einfach: Jungfrau, starkes Weib, weise Frau.
Dies sind alles drei Aspekte der selben unsterblichen Göttin, die sich wandelnde Göttin.
Der Gefährte der Göttin ist der Heros, er hat im frühen ritual pattern einen Aspekt, im entwickelten Muster dann zwei Aspekte: der helle und der dunkle Held. Er ist sterblich, und er steht für die Vegetation. Im Frühling ist er ein Gefährte der jungen Jägerin, doch sollte er ihr nicht zu nahe kommen, sonst ist der Kopf ab.. Wenn sie sich zur Nymphe wandelt, feiert sie mit ihm "heilige Hochzeit", der Zeitpunkt unterscheidet sich im rituellen Muster manchmal, so ist Beltaine am 1. Mai, die heilige Hoch- Zeit der Kelten, die ja keine Sonnenwenden und Tagundnachtgleichen feierten. Bei Kulturen, die die Festtage auf die Sonnenwenden legen, liegt die Hoch - Zeit auf der Sommersonnenwende.
Später, wenn die Vegetation gereift ist, schlägt die Energie um, und der Heros als Vertreter der Pflanzen und Tiere muß sterben. Die Göttin, die sich bald wandelt zur Alten, wird zur Schnitterin und tötet ihren Geliebten. (In späteren Versionen, besonders bei Ranke - Graves wird der Gott dann von seinem "dunklen Bruder" getötet, der die zweite Hälfte des Jahres lebt.) Der Tod des Gottes symbolisiert die Ernte. Wenn später die Vegetation sich in die Unterwelt zurückzieht, geht auch der Heros in die Unterwelt ein und dort ist es die G"ttin in ihrer Gestalt als dunkle Alte, die ihn am Tag der Wintersonnenwende wieder zusammensetzt/wiedergebiert.
Ich stelle mir das immer als Rad vor, in dem die Göttin der Mittelpunkt ist, und der Heros/Geliebte reist sozusagen auf dem Rad von Leben, Tod und Wiedergeburt.
Dazu muß ich noch sagen, daß nach einem Gespräch über Kali und einem schönen Text über die Yoruba - Religion ich mittlerweile denke, daß dieses "Ritual pattern", besonders in der späten Form (dreifache Göttin, der Heros und sein "dunkler Bruder") nicht auf der ganzen Welt zu finden ist. Es stimmt zwar, daß viele Göttinnen und Mythen im Mittelmeerraum und im nahen Osten (z.b. die ägyptische Isis) in das Muster passen. Aber andere passen wieder so gar nicht da rein. Heutzutage spielt das "ritual pattern" eine Rolle bei vielen Hexen, Wicca, und auch in Frauenspiri-Jahreskreisfesten. Es ist aber eine Illusion zu sagen "das war schon inne Steinzeit und später immer so, und daher ist unser heutiger Ritualzyklus das urälteste wo gibt."
Ich bezweifle auch, daß dieses Muster in einem Matriarchat immer auftauchen muss.
In diesen Mythen des "ritual pattern" spiegelt sich laut Heide Göttner-Abendroth auch die Gesellschaftsstruktur wieder. Weiter oben unter "regulierte Anarchie" ging es darum, daß der Führer nicht gleichzeitig der Bestimmer ist und die Leute ihm schnell das Vertrauen entziehen können. Und der Mythos vom Heros, der Jahr für Jahr stirbt und abgelöst wird, spiegelt sich darin wieder, daß ein Vertreter ebenfalls von einem anderen abgelöst wird. In matriarchalen Staaten wie auf Kreta war's vielleicht so, daß die Königswürde von der Mutter auf die Tochter weitergegeben wurde, und die wählte sich einen Regenten, vielleicht für ein Jahr. Das war dann der berühmte "Einjahreskönig". Für mich ist das allerdings ein Widerspruch: "matriarchal/Königreich". Klassengesellschaften, wo es KönigInnen gibt und Leute die das "einfache Volk" bilden, sind mir nicht derart symphatisch, ehrlich gesagt. Und das Muster mit dem "Heros" passt auf ein Königreich. Mit einer Gentilgesellschaft hat es wenig Berührungspunkte, scheint mir. Weiter im Text. Was ich sehr kritisch sehe, ist bei Göttner-Abendroth, daß sie recht verharmlosend darüber schreibt, daß der "Einjahreskönig" beispielsweise von Kreta, auch durchaus real sterben musste. Zwar seien diese Heros-Opfer immer freiwillig, also "heroisch", aber ein religiöser Überbau, in welchem Menschen "freiwillig" aus religiösen Gründen sich ermorden lassen, ist und bleibt fragwürdig; Das hat mit Herrschaftslosigkeit nichts zu tun. Die genaue Stelle wo das Einjahreskönigsopfer positiv bewertet wird habe ich gerade nicht zur Hand, aber ich kann schon mal sagen daß es u.A. in "die Göttin und ihr Heros" war. ( Frauenoffensive, München 1980 - 11. Auflage 1997)
Es ist nicht so, als seien mir bei den Wanderungen durch die Bücherseiten nur Geschichten begegnet, wo Männer und Frauen genau die gleiche Macht hatten. Trotzdem ist es unzutreffend, daß die Frauen "es nie so gut hatten wie heutzutage". Die Legende, daß ganz früher die Frauen niedergeknüppelt wurden und als Beute in die Höhle geschleppt, später dann immer schon Besitz des Mannes waren, und daß das erst in der modernen westlichen Industriegesellschaft mit der Frauenrechtsbewegung sich änderte, stimmt halt nicht. Es ist ein Märchen "unserer" europäischen Moderne, was zwar schon lange nicht mehr auf festen Beinen steht, sich trotzdem im Denken hält.
Gesellschaften, in denen nicht ein Geschlecht das andere unterdrückt, haben zwar oft eine geschlechtsspezifische Rollenteilung, nur ist die Macht, zb. wichtige Entscheidungen zu treffen, oder alleine das zum Leben notwendige zu besitzen, nicht nur den Männern und nicht nur den Frauen vorbehalten. Solche Gesellschaften haben die Ethnologinnen Ilse Lenz und Ute Luig untersucht, und ein Buch darüber veröffentlicht. Das ist folgendes: Lenz, Ilse/ Luig, Ute (Hg.): Frauenmacht ohne Herrschaft. Geschlechterverhältnisse in nichtpatriarachlischen Gesellschaften, Berlin 1990, Orlanda Frauenverlag.
Leider sind die sozialen Strukturen vieler dieser Gesellschaften durch Invasion von europäischen Kolonisatoren zerstört worden. Beispielsweise leben die Irokesen in Nordamerika längst nicht mehr so, wie vor der Ankunft der Europäer. Lenz und Luig hatten das Problem, daß die Gesellschaften heute nicht mehr so leben, und daß die existierenden Berichte, z.b. von Missionaren oder anderen BerichterstatterInnen, aus dem 19. Jahrhundert ganz oft die damalige europäische Auffassung von Frau und Mann über die fremde Kultur überstülpten.
Eines dieser Beispiele für Kulturen die heute noch "matriarchal" sind, sind die Minangkabau auf Sumatra in Südostasien. Auf meiner Suche durchs Internet fand ich eine Seite über Silek Tuo, eine Kampfkunst der Selbstverteidigung der Minangkabau. Dort erzählt der Autor Eduardo über die Geschichte und die Denkweise der Minangkabau, und obwohl ich nicht alles verstehe (aufgrund des etwas gebrochenen Englisch) bezeichnet er seine Kultur als eine sehr demokratische Kultur. Zitat:
Kamanakan barajo kamamak = nephew obeyed the uncle (der Neffe gehorcht dem Onkel)
Mamaka barajo ka pangulu = uncle obeyed the chief of the familly (der Onkel gehorcht dem Familienoberhaupt)
Pangulu barajo ka mufakat = chief of the familly obeyed the discussion (das Familienoberhaupt gehorcht der Diskussion)
Mufakat barajo ka nanbana = discussion obeyed the truth (Die Diskussion gehorcht der Wahrheit)
Bana badiri sandirinyo = the truth stand alone (die Wahrheit steht für sich selbst)
Quelle: »http://www.geocities.com/silektuo/hal2.htm*
Neffe und Onkel deshalb, weil die Minangkabau als matrilineare Gesellschaft die Beziehung zwischen Mutterbruder und Söhne der Schwester (Onkel und Neffe) als die Beziehung sehen in der die Männer ihr Wissen weitergeben. Die Kampfkunst Silek Tuo zum Beispiel lernen die Kinder vom Onkel. Und er drückt auch aus, daß das Familienoberhaupt sich nicht zur Herrschaft über die Familie aufschwingt, sondern der Diskussion gehorcht, die in der Familie geführt wird. Auf der Seite steht "Pangulu" - und das bedeutet das männliche Familienoberhaupt. Auf www.matriarchat.net steht:
Paruik" ("ein Mutterschoß") heißt dabei die Hausgemeinschaft, die mit 40, 60 oder sogar 80 Personen aus drei Frauengenerationen und den assoziierten jüngeren Brüdern und Söhnen in einem Mutterhaus zusammenlebt. Sie ist die wichtigste, funktionale Einheit und agiert unter dem informellen (...) Vorsitz der "Induah", der clanältesten Frau.
(...) Die nächstgrößere soziale Einheit ist "Payung" (oder "Kampueng"), die mehrere verwandte Häuser in einer Dorfgemeinschaft bezeichnet. Zwischen ihnen ist der "Panghulu", ein Bruder der "Induah", die nach außen verbindende und vermittelnde Person. Er wird aus der Gruppe der Mutterbrüder, der "Mamak", die für ihre Nichten und Neffen die Rolle der sozialen Väter spielen, gewählt. Sein Betragen muss sanft und freundlich, duldsam, tolerant und würdevoll sein, er muss wirken wie "eine gute Mutter", nur so kann er als formeller Vorstand die "Payung"- Häuser im Dorf verbinden und die Sippe nach außen vertreten. Dabei hat er keine Entscheidungsbefugnis, denn Entscheidungen werden im Sippenhaus gefällt.
»die Welt der Minangkabau auf www.matriarchat.net*
Also, eine Gesellschaft, in der kein Geschlecht unterdrückt wird, und in der Männern wie Frauen Macht und das Ausfüllen wichtiger Positionen zukommt, ist dann "egalitär". Bei Wikipedia steht zu den Minangkabau, daß sie Adat, ihre matriarchale Tradition, und den Islam, dem die Mehrheit der Minangkabau anhängt, in einer einzigartigen Weise verbunden haben. Dadurch daß die Minangkabau den Islam ihrer Tradition des Adat angepasst haben, folgte für sie aus der Islamisierung Indonesiens kein Patriarchat. Wobei in der Wikipedia auch steht, daß moderne patriarchale Lebensformen, zb. die Kleinfamilie, zunehmend schon neben der traditionellen Lebensweise bestehen.
Ich fasse hier mal einen Artikel der Wikipedia zusammen. Danach bestanden die Irokesen, die seit dem Jahr 1000 u.Z. "nachweisbar" sind, aus den sechs Nationen, der Mohawk, Onondaga, Oneida, Cayuga, Seneca und Tuscarora. Dieser Völkerbund besaß schon eine demokratische Struktur, als sich Europa im Feudalismus wälzte. Sein Rat/Parlament umfasste 50 Delegierte (Häuptlinge). Diese Delegierten wurden übrigens von der Klanältesten zum Bundesrat delegiert. Erst 1784 löste sich der Irokesenbund auf. (Trotzdem betrachteten sich die Irokesen noch im 2. Weltkrieg genügend als eigene Nation, um Hitlerdeutschland den Krieg separat zu erklären, ohne mit den USA zusammenarbeiten zu wollen).
Zitat Wikipedia:
Traditionell besteht jede Nation aus mehreren Klans, denen jeweils eine gewählte Klanmutter vorsteht. Jeder Klan konnte bis zu drei Abgeordnete in die Ratsversammlung der Irokesen schicken. Die Gesellschaft war demokratisch organisiert, das Individuum genoss erstaunliche Freiheiten. Das Verwandtschaftssystem ist matrilinear, die Lebensweise ist matrilokal.
Quelle: »http://de.wikipedia.org/wiki/Irokesen*
Dabei hatten die Irokesen eine strenge geschlechtliche Arbeitsteilung, wie es mir überhaupt aufgefallen ist bei matriarchalen Gentilgesellschaften, daß zwar starke Rollen vorgegeben werden für Frauen und Männer, aber trotzdem (nicht wie in europäischen traditionellen Geschlechterrollen) nicht nur von "Gleichwertigkeit" gefaselt wird, sondern die Macht anders verteilt ist als hier. Was bringt es mir (kleiner persönlicher Einschub und Abkommen vom Thema) wenn jede/r erzählt, daß die Frau am Herd gleichwertig ist, wenn sie faktisch nicht gleich mächtig ist, hm?
Zurück zu den Irokesen. In einem guten AnarchistInnen-Heft namens "Graswurzelrevolution" erschien ein Artikel über die Gesellschaft der Irokesen-Nationen, und darin findet sich auch einige Absätze über die Geschlechterverhältnisse:
Schon die Ebene der weiblichen Abstammungsgruppe, der Ohwachira, war fundamental für eine bemerkenswerte Machtbalance zwischen den Geschlechtergruppen. Wortführerinnen der frühen Frauenbewegung in den USA sprachen im 19. Jahrhundert vom Matriarchat der Irokesen. (6) Die Zurechnung zur ökonomischen, sozialen und politischen Solidargemeinschaft einer Verwandtschaftsgruppe erfolgte über die weibliche Abstammungslinie. Die Ethnologie nennt das Matrilinearität.
Die Kinder einer Frau gehörten ihr ganzes Leben lang, also auch nach der Heirat, dem Langhaus der Mutter an. Der ethnologische Terminus dafür ist Matrilokalität. Die verheirateten Frauen bildeten mit ihren jeweiligen Partnern, die formell weiter dem Langhaus ihrer weiblichen Vorfahren angehörten, und ihren Kindern separate Wohngemeinschaften innerhalb eines Langhauses mit einer eigenen Kammer und Feuerstelle. Weil jedes Individuum sein ganzes Leben lang ein und derselben Verwandtschaftsgruppe angehörte, war eine Verbesserung der sozialen Stellung durch berechnende Heirat ausgeschlossen. Die Eheleute behielten jeweils ihr angestammtes Eigentum, das sie im Falle einer Trennung wieder mit sich nahmen und das im Todesfall an ihren jeweiligen Herkunfts-Clan ging. Frauen hatten bei einer Trennung von ihrem Ehemann oder im Falle der unehelichen Geburt keine soziale Unsicherheit zu fürchten. Die verwandtschaftliche Zurechnung des Kindes zur mütterlichen Linie stand fest, für seine materielle und emotionale Versorgung stand die Familiengruppe solidarisch ein. Alles Land war Gemeineigentum und wurde ebenso von den Frauen verwaltet wie die Nahrungsmittel aus Feldarbeit, Jagd oder Sammeltätigkeit.
Eine Älteste der Ohwachira besorgte die Verteilung des gemeinsam zubereiteten Essens an die einzelnen "Familien" des Langhauses. Das Amt war erblich. Doch musste die Älteste von einer Versammlung der Frauen bestätigt werden und wurde bei Missfallen abgesetzt.
Einer der tüchtigsten Männer des Langhauses stand der Ältesten zur Seite. Sie war die Treuhänderin des im Besitz der Ohwachira befindlichen "symbolischen Kapitals" an Titeln, Ämtern und Ritualgegenständen, koordinierte die Arbeit der Frauen und verlautbarte das Schicksal von Kriegsgefangenen.
In manchen Familienlinien war einer der fünfzig Häuptlingstitel des Bundesrates erblich. In diesem Falle hieß die Älteste Go Yani, gehörte zu den weiblichen Vorsteherinnen ihres Clans und hatte dort eine zusätzliche politische Aufgabe: Nach Beratungen mit den Frauen- und Männergruppen ihrer Ohwachira schlug sie den männlichen und weiblichen "Häuptlingen" des Clans, der nächsthöheren Integrationsstufe des Irokesenbundes, einen aus ihrer eigenen Verwandtschaftslinie stammenden Kandidaten für das Häuptlingsamt im Bundesrat vor. In ihrer Rolle als Clan-Vorsteherin bereitete eine Go Yani Feste und Ratssitzungen vor.
Quelle: »Thomas Wagner: Der Irokesenbund als egalitäre Konsensdemokratie, Teil I, in: Graswurzelrevolution 297, März 2005*
Noch interessant zu erwähnen ist, daß der Bundesrat nicht an der Basis vorbeientscheiden konnte. Jede Frage konnte grundsätzlich durch die Räte der Langhäuser zur "Volksabstimmung" gebracht werden, und so wie ich den Artikel von Thomas Wagner verstanden habe, bedeutete das keine Mehrheitsentscheidung - sondern "Volkszustimmung", wenn die kleinen Räte nicht zustimmten, wurde der Beschluss beiseite gelegt.
Es geht nicht darum, ob wir heute ein Matriarchat brauchen. Die eigentliche Sprengkraft der Matriarchatsforschung liegt darin, daß dieses bisher angenommene "Es ist schon immer so und von Natur aus"-Weltbild radikal in Frage gestellt wird. Die logische Folge ist also nicht, ein neues "natürlicheres" Weltbild vorzuschreiben, sondern offener zu werden und uns zur Kritik an der "Gottgegebenheit" des Patriarchats fähig zu machen.
Ich glaube auch nicht, daß ich - oder die meisten anderen Leute in Europa - heute in einer Gesellschaft leben möchten, die ihnen wieder starre Geschlechterrollen vorschreibt, wie es diese bei den hier beschriebenen Gesellschaften gibt. Trotzdem - es gibt viel zu bedenken und zu lernen von diesen Gesellschaften. Zum Beispiel die Anerkennung, daß die Wiege der Demokratie vielleicht in Griechenland stand, aber es war eine Sklavenhalterdemokratie. Die Wiege der Konsensdemokratie, der Basisdemokratie, stand eher in den Territorien der "Six Nations" in Nordamerika und Kanada. (und die Struktur des Irokesenbundes hat laut Wikipedia zb. die Verfassungen der USA und der Schweiz durchaus inspiriert)
Es kann für mich nicht folgen, daß Frauen und Männer lediglich als "verschieden, aber gleichwertig" betrachtet werden. Es muss auch ganz konkret ein Machtgleichgewicht bestehen. "Separate, but equal" war übrigens DER Slogan der Rassentrennung in den USA, die erst in den 50er und 60er Jahren des 20. Jahrhunderts gesetzlich aufgehoben wurde. "Wie, du willst nicht auf das Klo mit der rostigen Pinkelrinne für Schwarze gehen? Hast du was gegen rostige Rinnen? Sind nicht rostige Rinnen gleichwertig mit polierten Marmorpissoirs?"
Analog gesehen: Es kommt des öfteren vor, daß zb. in Forendiskussionen den "Emanzen" vorgeworfen wird, daß "Hausfrauen" von ihnen als etwas minderwertiges betrachtet werden. Und Hausfrau, das sei doch gleichwertig, und eine sei doch wunder, wie intolerant. Nun: Hausfrauen haben zb. meinen vollsten Respekt. Dennoch ist es so, daß sie - als solche - keine Beiträge zur Sozialversicherung zahlen und daher auch keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld haben, und Rentenanspruch nur über den Partner, so dieser Beiträge zahlt. Es ist auch Fakt, daß sie keinen eigenen Lohn verdienen, mit dem sie ganz offiziell tun können, was sie wollen. Es ist völlig Banane, wie "gleichwertig" die Einzelne das zu anderen Lebenswegen ansehen möchte; es ist nicht gleich mächtig!
Die Folgerung aus der Existenz von Matriarchaten, oder von egalitären Gesellschaften ist für mich die: Es ist schön und gut, wenn wir Frauen-Gleichberechtigung haben dadurch, daß es uns erlaubt ist, unsere traditionelle Rolle mitsamt ihrer relativen Machtlosigkeit zu verlassen und uns individuell anders zu entscheiden. Es ist aber nicht genug damit getan. Beibehalten würde ich die Möglichkeit, sich frei für einen Weg entscheiden zu können, egal ob Mann oder Frau, aber die verschiedenen Sphären - zb. der Reproduktionsbereich und der Produktionsbereich und andere Ebenen auf denen Machtunterschiede bestehen, müssen grundsätzlich Machtmässig ausgewogen werden. Und genau das ist das, worin die gynozentrischen Gesellschaften uns voraus sind. Bei uns hat nämlich die Hausfrau/Hausmann - auch wenn die/derjenige das liebend gern tut - organisatorisch die schlechteren Karten.
Also auf ein fröhliches Utopien basteln.
Distel, Version des Textes vom 3. August 2005
Hier noch ein Link zu »http://www.sixnations.org/* (neues Fenster, in englisch) wo es mehr Informationen über die Haudenosaunee gibt.
»Startseite
»Cerridwens Kessel
»Matriarchat
»gynozentrische Gesellschaften
»nach Oben