
von Nada
Zugegeben - die Zeiten radikalen feministischen Engagements und des wütenden Aufbegehrens gegen die inhärente Gewalt einer patriarchalen Gesellschaft scheinen lange vorbei zu sein. Inzwischen dominieren postmoderne Intellektualität, Gender Mainstreaming und dekonstruktivistische Debatten über Geschlechter, Körper, Sprache und Identität.
Trotzdem sehne ich mich manchmal nach einer Zeit die ich nicht selbst miterlebt habe und von der nurmehr Phrasen übriggeblieben zu sein scheinen.
Von "Mein Bauch gehört mir" bis hin zu "Vergewaltiger, wir kriegen euch!" reichten die Slogans die inzwischen fast anachronistisch in ihrer Wut und ihrem Beharren nach Selbstbestimmung wirken.
"Wir erobern uns die Nacht zurück" ist ein anderes Beispiel. Noch vor 10 Jahren zumindest in Ballungsräumen linker Subkultur oft an Häuserwänden zu sehen, scheint er inzwischen aus den Bewußtsein selbst junger Feministinnen verschwunden zu sein.
In meiner Schreibtischschublade liegen noch ein paar Aufkleber die ich mal aus einem Antifa-Infoladen mitnahm, aber das war's auch schon.
Ebenso verschwunden wie dieser Slogan scheint auch das Bewußtsein derer zu sein, die es wirklich betrifft.
Über die wirklichen Implikationen einer gesellschaftlichen Situation wo schon kleine Kinder vor dem Heimweg in der Dunkelheit, dem Stadtpark oder der schlecht beleuchteten Straße gewarnt werden müssen, scheint sich niemand große Gedanken zu machen.
Die Ungeheuerlichkeit, daß sich weiblich definierte Menschen in ihrer Freiheit einschränken müssen um nicht potentielle Opfer sexualisierter Gewalt zu werden, wird lapidar abgetan mit Sätzen wie "Das ist eben so."
Die Tatsache, daß ich als Frau mindestens die Hälfte des Tages besonders vorsichtig sein muß, hat schon etwas Perverses an sich, denn ebensowenig wie das Feuer primär dazu dient, angebliche Hexen zu verbrennen ist die Nacht dafür geschaffen, die sexuelle und emotionale Unversehrtheit von Menschen zu bedrohen.

Als Hexe habe ich schon früh gelernt, die christliche Gleichsetzung von Dunkelheit und "dem Bösen" in Frage zu stellen, aber auch ich wache manchmal schreiend auf - nach Alpträumen von Verfolgung durch dunkle Straßen und bedrohlicher Schatten vor meinem Bett.
Trotz dieser Träume weiß ich: Die Nacht ist nicht mein Feind!
Ich kann das Dunkel träumen und träumend neu erschaffen. In der Nacht kann ich mich mit denen verbinden, die meine Träume teilen und wir weben gemeinsam ein Netz der Visionen.
Wir erträumen neue Räume und neue Welten:
Dunkelheit, in der die Sinne anders reagieren; Dunkelheit, die uns die Welt neu entdecken läßt.
Dunkelheit, in denen die Kinder vor dem Schlafen mit den Elfen flüstern und den Zwergen goldene Ketten schenken.
Dunkelheit in der Hauthunger nicht pervertiert wird; Dunkelheit, in der Haut an Haut eine tiefe Verbindung zwischen Menschen webt.
Eine Nacht, in der auch die Trickster ihren Platz haben und nichts aus Angst vertrieben werden.
Nächte, in denen Tanz und Gesang die Menschen verbinden uns daran erinnern, daß das Leben gefeiert werden muß.
Nächte, die Freude auf das nächste Licht der Sonne machen - ebenso wie die Sonne uns freudig die Dunkelheit erwarten läßt.
Eine Dunkelheit, die Raum für Veränderungen gibt.
Eine Dunkelheit, in der uns nicht mehr die Angst vor dem vermeintlich Fremden überwältigt.
Eine Dunkelheit, in der "Wer hat Angst vorm schwarzen Mann" nur noch Gedanken an Schornsteinfeger auslöst und nicht mehr an die Bedrohung unseres weißen Alltags.
Ich glaube, wir alle müsen uns die Nacht zurückerobern - Männer wie Frauen, Junge wie Alte, Träumende und Handelnde...
In den Symbolen und Taten, in Träumen und Festen, in unseren Göttern und Wesen...
Wir müssen das Dunkel neu träumen und die alten Ängste auf die die große Reise schicken...
Text von Nada
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