
Eine komische Überschrift, aber warum nicht? "Sans Papiers", deutsch "ohne Papiere" ist französisch, so werden dort Menschen genannt, die keine Ausweise und Aufenthaltsgenehmigungen haben, "Illegale". Sie nennen sich selbst "sans Papiers" weil sie nicht "illegal" sind, nur weil ihnen zufällig ein gestempelter Wisch fehlt. Ist es illegal, zu existieren?
Auch die "Frühzeit" oder die prähistorische Zeit hatte keine Papiere. Das ist kein Wunder, denn erst mit der Erfindung von Schrift fängt die Wissenschaft (und die Häxe fragt nach: WER ist "Wissenschaft"?) an, etwas als "geschichtlich" anzuerkennen. Nicht aus purem Zufall, so glauben viele Forscherinnen, ist ungefähr ab diesem Zeitpunkt die Umbruchphase vom Matriarchat zum Patriarchat zu finden. Gerade diese Zeit als "prähistorisch, worüber wir ja nichts wissen" abzutun, ist eine Strategie, andere Gesellschaftsformen aus dem Gedächtnis der Menschen auszulöschen, so daß wir uns gar nicht mehr vorstellen können, daß es anders geht, weil es eben schon einmal anders war.
Kulturen ohne Schrift galten als "unentwickelt" und der Begriff "Hochkultur" galt lange nur für Ägypter, Griechen, Römer und so weiter.
Trotzdem ist es nicht ganz richtig von "schriftlosen" Kulturen zu sprechen, da laut Merlin Stone ("Als Gott eine Frau war", 1976, S. 49) die SumererInnen schon 3000 vor unserer Zeitrechnung eine Keilschrift benutzten, die hauptsächlich für die ökonomische Buchführung im Tempel der Himmelskönigin verwendet wurde. "Die Einwanderergruppen aus dem Norden eigneten sich diese Art des Schreibens, die sogenannte Keilschrift an, (es waren kleine keilförmige Zeichen, die in feuchten Lehm gepreßt wurden) und verwendeten sie für ihre eigenen Aufzeichnungen und literarischen Niederschriften."
Also waren einige matriarchale Kulturen keineswegs schriftlos, nur sind aus dieser Zeit keine niedergeschriebenen Mythen erhalten. Entweder sie benutzten die Schrift niemals für Literatur oder Poesie, sondern nur für Rechnungen und Buchführung, oder die vorhandenen Tontafeln wurden damals zerstört.
Vielleicht läßt sich das mit der Geschichte Afrikas vergleichen: Wir lernen nichts über die Afrikanischen Kulturen, wie sie vor dem Eintreffen der Europäer existiert haben. Wir stellen uns vor, daß es kleine Stämme waren, die "primitiv" gelebt haben und sicherlich keine Staaten, Schriftsysteme, politische Ausdifferenzierung kannten, alles Kriterien für "Hochkulturen" aus europäischer Sicht. Natürlich gab es Staaten, deren Fläche viel größer als das heutige Deutschland war. Es gab Reiche mit hohen kulturellem "Niveau", nur ist das ein verschwiegenes Wissen. Es würde enthüllen, daß die Europäerinnen eben nicht auf ein "unbestelltes Feld" kamen, daß die AfrikanerInnen eben nicht nur "bessere Tiere" waren, die man versklaven und deren Land man kolonisieren konnte.
So will auch die Geschichte die wir kennen, uns glauben machen, daß in prähistorischer Zeit die Menschen primitiv und grausam waren, sämtliche Vorurteile des "unzivilisierten Tieres" werden aufgewärmt. Wir glauben, daß damals die Frauen mit einem Keulenschlag über den Kopf zum Besitztum eines Mannes wurden, daß sie schon immer putzten und kochten und nix zu sagen hatten. Es gibt ein Kinderlied (ich glaube vom Grips - Theater) welches so geht: "Der Mann ist der Bestimmer, das war er schon immer! Warum? Na klar! Weil's schon immer so war!"
Genau damit diesen "Frieden" niemand stört, darum wurde das alte Wissen verschüttet und dämonisiert.
Heute haben Frauen dieses Wissen wieder zurückgeholt, sie haben die archäologischen Fundstücke selbst gedeutet und in der kretischen Göttinnenstatue nicht die "Küchenmagd" gesehen, als welche sie die "Forscher" ganz selbstverständlich sahen. In dem griechischen "Phallussymbol", dem Omphalos (ein kurzer, oben runder Kegel) sahen sie einen Gebärmuttermund. Es ist auch recht logisch, wenn eine gern ein Kind gebären will, daß sie kultisch einen Muttermund verehrt. Die Zeugung ist ja recht einfach, ich würde mir auch lieber den Muttermund gewogen machen, damit er das hervorbringt, was ich mir wünsche. Frag mich nicht, wie die damaligen Frauen denn wußten, wie ein Muttermund aussah. Steck dir einen oder zwei Finger in die Möse, und fühle selbst. Dann schau dir einen Omphalos an. Sieht er immer noch aus wie ein Phallus? Wenn du dir die Lachtränen weggewischt hast, gehts weiter...
Mündliche Überlieferung (inzwischen schriftlich, "Mythos" genannt oder "Märchen"), Bilder, alle Arten von Kunst sind das Einzige, was uns zur Verfügung steht. Und die Gedanken der Frauen, die diese Bilder aus ihrer Sicht deuteten, die die Vergangenheit erforscht haben.
Natürlich ist es immer eine Frage der Interpretation, nichtschriftliche Quellen sind nun einmal in Gefahr, durch unsere "heutige Brille" gesehen zu werden. Genauso, wie voreingenommene Forscher das fanden, was sie finden wollten, fanden auch die Frauenforscherinnen das, was sie suchten. Während jedoch die "herkömmlichen Forscher" die prähistorische Zeit verbogen und zurechtinterpretierten, damit sie in ihre Theorie von der linearen Entwicklung der Menschen vom "blöden Neandertaler" bis zum "schlauen Bill Gates" paßt, fanden die Frauen Dinge heraus, die viel naheliegender waren. (das Beispiel mit dem Omphalos ist eins davon)
Es hat gynozentrische Gesellschaften gegeben, und die Ära dieser Matriarchate dauerte wahrscheinlich 35 000 Jahre, danach gab es eine "Übergangszeit" zum 2000 Jahre alten Patriarchat, das wir heute sehr gut kennen.
Solche Zahlen sind sehr mit Vorsicht zu genießen.. es gibt überall andere Zahlen. Trotzdem stimmen alle diese Zahlen in einem Umstand überein: Das Patriarchat ist jünger und existierte im Vergleich zum Matriarchat nur kurze Zeit.
Wir haben keine schriftlichen Zeugnisse. Wir spinnen, laufen Traumgespinsten nach, wir sind Träumerinnen und Spinsters.
Und das ist genug. Einen Mensch ohne Papiere ist ein Mensch.
Geschichte ohne schriftliche Quellen ist Geschichte. Göttinnengeschichte..
von Distelfliege
zuletzt geändert: 19.08.01