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Diese Geschichte hat Klabauterin geschrieben, und es ist für mich ein echtes Geschenk, sie hier veröffentlichen zu dürfen. Sie handelt vom Reisen, von Tod, der ein neuer Anfang ist...
Distelfliege


Schiffbruch

Als sie nach Hause kam, war es plötzlich da.

Ein Loch. Ein Loch mitten in der Luft vor ihrem Zimmerfenster. Herzlos tanzten die Sonnenstrahlen mitten durch das was gestern noch der vertraute und unangefochtene Platz einer haushohen, schlanken Kiefer gewesen war - ihrer Kiefer.

Jaloba blickte fassungslos in das warme Licht der Abendsonne, die jetzt ungehindert in ihr Zimmer schien. Sie holte tief Luft bevor sie ans Fenster trat und hinaus sah. Die stolze und schöne Kiefer lag zerschnitten am Boden. Diese Botin des Meeres und Künderin kommender Reisen gab es nicht mehr. Seit Jaloba hier wohnte, war ihr die Kiefer wie ein Versprechen gewesen für ihre ersehnten Reisen und sie anzusehen linderte oft ihr Fernweh. Der ausgedehnte sandige Bauplatz vor ihrem Fenster hatte sich im Schatten der Kiefer in eine Bucht verwandelt, in den Hafen ihres
kommenden Aufbruchs, in einen Strand geträumter Abenteuer.

Gerade ist Ebbe und da die Bucht sehr flach ist, legt das ablaufende Wasser den Sand komplett frei. Die Kinder der Stadt spielen gerne hier, wo sie in dem feuchten Sand schöne Muscheln und manche angetriebenen Schätze finden können. Wenn in der Abendsonne eine frische Brise vom Meer aufkommt, schaukelt die Strandkiefer ihre Krone sanft im Wind und die Luft riecht nach Salz.

Heute nacht setzt die Flut ein, eine plätschernde, gurgelnde Flut klaren dunkelblauen Wassers und mit dieser Flut kommt das Segelboot. Sie kann es schon genau vor sich sehen, wie es mit seinem schwarzen Holzrumpf und seinen drei weißen Segeln leicht und behende in die Bucht gleitet. Auf Höhe der Kiefer kommt es zur Ruhe und wirft Anker bis zum Morgen. Und wenn Jaloba morgen früh aufwacht, liegt es einfach da, ruhig in der Morgensonne dümpelnd. Sie zögert keine Minute, ihren Rucksack zu packen. Von fröhlichem Gelächter begrüßt geht sie an Bord. Sofort werden die Segel gesetzt und sie fahren hinaus in die offene See. Während sie davon segeln in unbekannte Abenteuer und ferne Gegenden, blickt Jaloba noch einmal zurück und winkt der Kiefer am Strand zum Abschied.

Aber jetzt war die Kiefer einfach nicht mehr. Sie lag als ein Haufen Holz am Boden und hatte wie ein Kind, das sich in die Gardine einwickelt und sich fallenlässt, die ganze Geschichte mit sich gerissen. Übrig blieben nur eine Baubrache, etwas schäbiger Stadtrand und Baggerspuren.

Jaloba, die Träumerin nahm ihre Flöte und ging nach draussen. Sie setzte sich auf einen der umherliegenden Äste und spielte der Kiefer das Lied des Segelbootes das nie kam...

Komisch, dachte sie, eigentlich steh ich hier vor einer Leiche. Die Menschen erzählen immer, dass Tote gar nicht mehr wie der Mensch aussehen, der in diesem Körper gelacht und gelebt hat sondern nur wie eine verlassene Hülle. Auch dieser Stamm, diese Äste und Zweige sehen verlassen aus –die Kiefer ist schon gegangen. Sie hat sich wohl schon auf die Reise gemacht und nun bin ich es, die noch am Ufer steht und weint. Was eine Kiefer wohl beginnt, wenn sie ihre alte Hülle verlässt? Ja eigentlich, dachte Jaloba, wäre es ähnlich, wenn ich mich auf die Reise machte, dann würden auch Äste aus meinem Leben brechen und der Stamm meines Alltags würde kippen. Ich ließe Hüllen zurück aber meine Person bliebe unversehrt. Andere Menschen würden diese Hüllen oder die Löcher, die ich hinterlasse, betrauern, aber das wäre nicht meine Geschichte und es wäre ja absurd um mich zu trauern, denn ich wäre gar nicht gestorben, ich hätte nur die Szene gewechselt.

Jaloba erhob sich und musste lächeln. Sie hatte wirklich zu lange gewartet, sogar die Kiefer hatte die Geduld verloren und war abgereist.

Es war Zeit zu gehen.



Autorin: © Klabauterin


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