
Im Moment beschäftige ich mich gerade mit Transgender-Mythen und Spiritualität. Ich bin selber zwar nicht dabei, meine eigene Geschlechtsidentität umzubasteln und die Mitmenschen möglichst effektvoll mit kreativen Geschlechts-Neuschöpfungen zu verwirren, aber das Thema interessiert mich trotzdem.
Wie ich darauf kam: Naja, wir teilen die Welt in zwei Geschlechter ein, hier in der westlichen Welt. Nicht nur die Menschen, diese zwar besonders streng, sogar die restliche Welt auch noch dazu. Wir können uns etwas anderes als Zweigeschlechtlichkeit kaum vorstellen. Wenn jemand aus dem Rahmen dieser Zweigeschlechtlichkeit fällt, ist das grosse Heulen und Zähneklappern angesagt. Verwirrend! Und unsere Spiritualität, kann die überhaupt ein geistiges Zuhause bieten für Geschlechtsverwirrte und Geschlechtsverwirrende?
"Sperma gehört in die Vagina, wo ihr Vorkomen von Natur aus vorgesehen ist. Im After ist es ein Fremstoff und führt wohl zu einer Abwehrreaktion, ähnlich wie ein fremdes Organ abgestoßen wird oder sich der Körper gegen eingedrungende Fremdkörper wie einen Holzspliter wehrt."
Posting von Jan, Quelle: http://f25.parsimony.net/forum62713/messages/18109.htm
"'Was Menschen zur Welt bringen, ist und bleibt menschlich. Geistliches aber kann nur vom Geist Gottes geboren werden' (Johannes 3,6). Der Mensch ist von Natur aus nicht in der Lage, mit Gott zu kommunizieren."
Quelle: Schweizer Seite für wiedergeborene Christen http://www.swissrevival.ch/wiedergeboren/wiedergeboren-1497.htm
"Frauen sind eben von Natur aus liebevoller, fürsorglicher, sozialer. Das wirkt sich denke ich auch schon auf das sexuelle Empfinden aus."
Quelle: Max_22 im "Lovetalk-Forum"
Das erste Zitat kommt aus dem Forum für Schamanismus und Spiritualität von Sonia Emilia, und hat ein wenig mit diesem Text zu tun, es gab nämlich den Anlass dazu her. Nicht den Grund - aber irgendwo den Auslöser. Die anderen beiden fand ich auf einer Google-Suche mit dem Suchbegriff "von Natur aus".Man findet aber auch "Der Mensch ist von Natur aus ein Kulturwesen".
Von Natur aus heisst, dass das ja nicht unsere Kultur ist, die man ja auch ändern könnte, sondern is ja Natur. Ist halt so. Aus.
Leute, die sich als moderne Naturreligiöse bezeichnen, haben an sich schon eine starke Tendenz dazu, die Natur als Geberin heiliger Regeln anzusehen, und im Sinne "wie oben, so unten" vom ollen Hermes T. sagen sie sich "Wie in der Natur, so auch in der Spiritualität". Lustigerweise geht das gar nicht. Die Natur beherbergt nämlich eine derartige Vielfalt, dass man sowohl eine zweigeschlechtliche Ordnung als "Natürlich" raussehen könnte als auch eine hundertgeschlechtliche. Das Gesetz des Stärkeren auf die Gesellschaft übertragen (Sozialdarwinismus) oder dass der Mensch von Natur aus ein soziales Wesen ist (und damit das Gegenteil begründen).
In kurz: Es ist nicht alles von Natur aus so, wie es einem erzählt wird.
Kommen wir also zur Kultur: In der unsrigen (in meiner, wo ich gross geworden bin) ist es so, daß die Natur ein Weib ist. Die Frau steht für Natur, und der Mann für Geist/Kultur. Manche werten damit das Weibliche ab. Andere sagen die Natur/das Weibliche wäre für sie göttlich/heilig und werten es damit auf. Die Große Mutter, die Mutter Erde. Als ich "Frau und Natur" von Susan Griffin las, schwankte ich ständig zwischen einem wonnevollen Eintauchen in die Bilder und Gefühle die sie zeichnet, und einer Abwehr dieser Festlegung von mir als von Geist/Kultur getrennte Natur, nur weil ich mich als Frau identifiziere.
Das ist auch schon die erste Theorie, die sich aber nur auf Männer bezieht, die Transgendern, und zwar kultische Geschlechtsrollenwechsel in antiken Kulten und noch davor: Männer kleiden sich wie Frauen und handeln wie Frauen, um sich mit der Großen Göttin zu identifizieren, um eine Priesterin oder eine Schamanin der Erde sein zu können. Um von dem Mysterium, was die Frau, die weibliche Natur, die kosmische Wiedergeburts-Göttin verkörpert, eine Schnitte abzukriegen. Das mag sich jetzt hart anhören, aber das passt nur, wenn "Mann" als unvollständig angesehen wird, und das Einnehmen von Frauenrollen oder das Nachahmen von Frauen mit Hilfe von Symbolen die für "Frau" stehen, ist ein Versucht, diese Unvollständigkeit aufzuheben.
Nicht dass ich diese Theorie von der männlichen Unvollständigkeit jetzt hier vertreten will. Ich erzähle lediglich was ich gelesen habe. Texte von EthnologInnen zb, die sich fragen, wieso bei "Naturvölkern" Männer Frauen nachahmen.
Es gibt natürlich auch biologische Tatsachen, die man jetzt ins Feld führen könnte, um die männliche Unvollständigkeit zu untermauern, aber im Grunde genommen macht das keinen Sinn.
Selbst wenn das Y-Chromosom ein unvollständiges X ist, was macht denn einen Menschen aus, nur die Chromosomen? Grade mit Hilfe der anderen Wirklichkeiten, mit Spiritualität und Magie haben es Menschen eh schon immer hinbekommen, sich in Andere zu verwandeln, in Tiere sogar, und Erfahrungen zu machen, für die sie eigentlich gar keine körperlichen Vorraussetzungen haben.
Quelle 1: Geschlechtsrollenwechsel im Schamanismus
Quelle 2: Johanna Kamermans: Transmythos
Was ich persönlich denke: Ich sehe mich als Kind der Erde - und ich sehe die Erde auch als Mutter, und als Göttin. Alles, was ich anfassen kann, alles was mich nährt, mein eigener Körper und alle anderen Körper und alles was verkörpert ist, ist Göttin. Vielleicht hat zu dieser Erdhaften Göttin jeder Mensch Zugang über die eigene Erdhaftigkeit, über den Körper, egal, wie er jetzt geformt sein mag.
Für mich als Frau (jaja) ist es auch so, daß ich schon auch über Frauen-Symbole, Frauen-Körper, Frauen-Blut mich in Verbindung zur Erde setze. Das ist ja was ich habe, meine magische materielle Substanz.
Mei, jo.. aber das bedeutet ja nicht, daß Nichtfrauen in der Hinsicht schlechter gestellt sein sollten, oder meine Art damit umzugehen übernehmen müssten. Das bedeutet nicht, dass man ohne Frauenkörper schlechte Karten hat. Ausserdem leben wir ja in postmodernen Zeiten, wo einerseits die großen Mythen zusammenklappen wie Kartenhäuser und andererseits damit jede/r selbst für die eigene Sinnproduktion verantwortlich gemacht wird. *g*
Ja, und wenn es schon Techniken gibt, die es erlauben, sich in Tiere zu verwandeln, sich in Frauen, Männer, unbestimmtes zu verwandeln, mit Pflanzen und Wellen zu verschmelzen, mit Tönen.. warum sollte es verboten sein, es zu tun? Warum sollten die SchamanInnen das nicht alles getan haben, einfach weil es im Zuge ihrer Arbeit oder der Rituale als sinnvoll erschien? Vielleicht sahen sie sich nicht als unvollständig. Vielleicht haben sie Grenzen überschritten, weil das ihr Handwerk als ZaunreiterInnen war. (Auch - nicht nur. Einige Gründe für Geschlechtsrollenwechsel in patriarchalen Gesellschaften die in den oben verlinkten Quellen vorkommen, wie das Übernehmen von Frauensymbolen und das Wegnehmen sind auch nicht von der Hand zu weisen. Ich möchte nur die "kultische Zwitterigkeit" nicht darauf völlig reduziert sehen)
"Spirit" - stellt sich für mich eigentlich auch meistens mit weiblichen Masken dar. Aber eigentlich hat der Geist kein Geschlecht. Vielleicht könnte man die sämtliche anderen Wirklichkeiten, also alles, was jenseits des "Zauns" ist, als Spirit bezeichnen. Vielleicht der Kessel der Inspiration selber.
Als ich angefangen habe, mich mehr für Schamanismus zu interessieren und so in letzter Zeit meine ersten Gehversuche darin mache, ging das schon los.. Die Spirits, irgendwie ist das ein kleiner Bruch in meiner "heilen Göttinwelt" was ja nicht schlecht ist ;-)
"What brings us to this place we call "transgender"—this way of being that needs to redefine, transform, and recreate itself in a world that insists we must conform to our genitals? Perhaps there was an itch in the groin. Most assuredly, there was an ache in the heart. And let's not discount all the mental anguish.
Researchers are investigating causative factors such as chromosomes, unique hormonal configurations, and of course psycho-social influences. . . .
but I ask you: what do you believe it is that made you transgendered? Was it the itch, the ache, the anguish . . . or was it also something else?—something most people can't define, something called "spirit"."
Holly Boswell: The Spirit of Transgender - wo auch eine recht naive Sichtweise auf Wicca vertreten wird, musste ich leider feststellen
Hm, also für die, die des Englischen nicht mächtig sind: Holly Boswell fragt sich, warum will man aus der Reihe tanzen in einer Welt, die einen eigentlich dazu bringen will, sich den eigenen Genitalien angemessen zu verhalten? Ist es ein Jucken im Schritt, will man physisch das Andere sein, oder ist es das Herz, was nicht in den Körper gehört, oder ist es die Psyche, die einen dazu treibt? Und obwohl viele Forscher daran hocken und sich fragen, liegts an den Chromosomen, an den Hormonen, oder am psycho-sozialen Umfeld, was soll der Grund sein, wieso ihr aus eurer Identität fallt? Vielleicht etwas was die meisten Leute nicht definieren können - etwas, dass sich "Spirit" nennt.
Anstatt also Krankheitsursachen zu finden, die die Krankheit "Transsexualität" oder "Transgender" verursacht haben, wieso nehmen wir nicht einfach an, dass es eine Inspiration aus der anderen Wirklichkeit war, also aus der Welt der Spirits, da wo auch andere Träume, die verwirklicht werden wollen, herkommen? Sie fragt "Are we not Spirit manifesting in its own glorious diversity?" - Sind wir nicht GeistIn, sich in ganz eigener, glorreicher Vielfalt manifestierend?
Es wird geflüstert, dass es andere Menschen gibt, und andere Kulturen, in denen man diesen speziellen Ruf aus der Geisterwelt hören darf und ihm folgen, ohne als krank und/oder verrückt bezeichnet zu werden. Es soll Menschen geben, die ein drittes Geschlecht kennen, deren Sprache eigene Worte hat für dieses Geschlecht.
"Außereuropäische Kulturen gingen mit uneindeutigen Geschlechtspositionen oft viel einfühlsamer um als das Abendland. Bei vielen Völkern akzeptierte man die Tatsache, dass es Menschen gibt, die weder eindeutig männlich noch eindeutig weiblich sind, auch wenn diese Zwittrigkeit auf den Bereich der Psyche beschränkt ist. Bei verschiedensten Populationen gab es eigene Institutionen innerhalb derer es möglich war, Teilaspekte der entgegen gesetzten Gender-Rolle zu übernehmen, ohne damit zum Außenseiter zu werden oder als pervers zu gelten. Im Gegenteil, oft wurden solche Personen als Glück bringend gesehen, mit einer besonderen Beziehung zu Geistwesen, sie galten als Heiler und als Mittler zwischen der Welt der Menschen und dem Numinosen. Unter den nordamerikanischen Indianern waren es etwa die nadle der Navajo und die winkte der Sioux, die angesehene soziale Positionen innehatten, da die Macht ihrer Rituale und Lieder als Garanten des Wohlstands galten. Sie selbst konnten sowohl männliche wie weibliche Partner wählen.
Sie und andere wurden praktisch durch den US-Rassismus ausgerottet, nachdem man sie in ethischer Empörung und Ignoranz ihrer besonderen Stellung als Homosexuelle diffamiert und mit dem Sammelbegriff berdache ("Lustknabe") belegt hatte. Für die Indianer dagegen war die christlich-europäische Auffassung der Homosexualität nicht nachvollziehbar. Für sie hatten nadle und winkte einen eigenen Gender-Status, der ihnen sexuelle Beziehungen zu Männern ganz selbstverständlich erlaubte."
Quelle: Eva Fels: Globale Geschlechtsanpassung
BCholmes.org: Liste von Namen für das "dritte Geschlecht" bei amerikanischen Ureinwohnern
Tjo, nach dem Regen gibt's einen Regenbogen, und alle seine Farben sind schwarz. Es ist nicht so, dass die Farben nicht DA wären. Den Leuten fehlt nur die Vorstellungskraft, sie zu sehen. (Das war jetzt das Stückel vom Paul Simon in Deutsch - nur um das nochmal zu sagen)