
Ich habe mich eine Weile davor gegrault, als Nichtwicca über dieses Thema zu schreiben.
Dennoch mag ich dazu nicht schweigen, da dieses Thema im Forum hier auf der Seite schon einmal angesprochen wurde, und ich mich kritisch mit dem Polaritätsgedanken auseinandersetze, der besagt, daß Männer und Frauen Gegenpole eines Kontinuums darstellen, und daß die magische Arbeit, die diese Pole in Harmonie vereinen will, auf biologisch männliche und biologisch weibliche Personen zurückgreift, um diese Vereinigung zu symbolisieren. Daß damit gleichgeschlechtlich liebende Wicca eine am Rande stehende Gruppe bilden, ist der eine negative Effekt. Der zweite ist, daß unter Beibehaltung des patriarchalen Machtunterschieds zwischen den Geschlechtern, jeder die Sexualität heiligende Ritus
zu einem Akt der Macht verkommt.
Die Frage ist also, wie ausschließlich ist das binäre heterosexuelle Modell der Polarität?
Und: Ist die Hierarchie zwischen den Geschlechtern ausreichend beseitigt, um ein wirkliches gleichberechtigtes Zusammenkommen bei ritueller Sexualität frei von Machtunterschieden, frei von Druck zu ermöglichen?
Auf die zweite Frage möchte ich hier mal ein bissel eingehen.
Zuerst einmal: "Sexuelle Belästigung und Vergewaltigungen in Coven gibt es nicht, denn wir verehren das weibliche Prinzip." wird fast jede/r hierauf antworten. Das erinnert mich lediglich an Feststellungen wie: "Vergewaltigung in der Ehe gibt es nicht." oder "Kindesmißbrauch und Vergewaltigung - das sind doch alles böse Fremde, die nachts im Park/auf dem Schulweg zuschlagen. In den Familien selbst passiert das äußerst selten."
Die meisten Vergewaltiger kennen ihre Opfer, die meisten Kinder werden von ihren Familienangehörigen mißhandelt oder sexuell mißbraucht. Diese Tatsache ist sehr stark tabuisiert, eben weil eine Gruppe, die eine vertraute, liebevolle Umgebung darstellen sollte, so etwas eigentlich nicht dulden dürfte. Die Idee kollidiert hier ganz stark mit der Realität, und weil dieser Widerspruch so groß ist, werden solche Widersprüche im Allgemeinen mit einem Denkverbot belegt. Man spricht nicht darüber. Dieses Schweigen erfüllt einen Zweck und hat Methode. Es nützt nicht nur dem geplagten Hirn, das keine Widersprüche aushalten muß, sondern vor allem den Tätern.
Der Unterschied zwischen einer Familie und einem Wicca - Coven ist der, daß die Familie immer noch als Keimzelle der Gesellschaft dient und darum lieber geschwiegen wird, bevor die Gesellschaft riskiert, sich ihrer Grundlage zu berauben. Das wird sich hoffentlich ändern, je unabhängiger von der Kernfamilie wir in Zukunft zu leben imstande sind.
Ein Wicca-Coven ist nichts, was zum Erhalt der Gesellschaft unbedingt nötig wäre, und eine Diskussion über Vergewaltigung oder sexuelle Gewalt/Nötigung im Wicca könnte die sorgfältig errungene gesellschaftliche Akzeptanz sofort wieder in Frage stellen. Die Gesellschaft lebt nicht von Coven. Diese Information könnte gegen die Hexen benutzt werden.
Und doch ist es gar nicht so verschieden: Die kleine Wicca-Subkultur lebt von ihren Coven und ist auf ein Schweigen in dieser Hinsicht genauso angewiesen wie die große Gesellschaft auf das Schweigen bezüglich der Gewalt in den Familien. Ich habe Äußerungen gelesen wie "sexuelle Übergriffe sind im Wicca nicht die Ausnahme, sondern die Regel". Aber dies kam von einer Stelle, die sich selbst als DIE Alternative im Hexen- und Heidentum darstellt, "bei uns ist alles besser".. (Rabenclan-Forum) was mich auch nicht fröhlicher stimmt und mich fragen läßt, ob diese Quelle vertrauenswürdig ist. Ein weiterer Anhaltspunkt war das Gynoknistern - Forum, wo eine, die als Ansprechpartnerin für schwule und lesbische Hexen fungierte, öfter wegen dieses Themas von Frauen angemailt worden ist. Lassen wir also die Aussagen, wie oft das vorkommt, und konzentrieren wir uns lieber auf die "Schwachstellen", also die Anhaltspunkte, die eine Gefahr für sexuelle Übergriffe erkennen lassen. Denn ein Bewußtsein darüber ist schon die halbe Miete.
Sexueller Mißbrauch im Wicca - das birgt die Gefahr in sich, daß wieder einmal von der Gesamtgesellschaft dieses unliebsame Thema auf die Wicca abgeschoben wird - wie es bisher gerne auf die Fremden, die Kinderpornohändler, die Satanisten abgeschoben wird. Überall dort findet Mißbrauch statt, aber eben nicht nur. Die Ursache von sexuellem Mißbrauch ist nicht, daß diese Gruppen anders sind, sondern daß sie gleich sind, in den gleichen patriarchalen Macht- und Denkmustern zuhause wie der Rest der Gesellschaft. Und diese Tatsache sollte man im Auge behalten!
Sooo, und nun wollen wir uns mal einer Diskussion zuwenden, auf die ich beim Rabenclan gestoßen bin.. Dort haben die Leute verschiedene Faktoren besprochen, die sexuelle Belästigung begünstigen. Die Diskussion könnt ihr hier nachlesen:
Rabenclan-Forum - zum Thread (Anm. das Forum wurde mittlerweile geschlossen - ich werde mich bemühen, zu Doku-Zwecken eine Kopie von dem Thread vom Rabenclan zu kriegen. 3.3.2003)
Dort finden wir Begriffe wie »Die Autorität des Covenchefs über seine Mädchen«; und ich kann mir dies nur zu gut vorstellen, ohne jemals in einem Wiccacoven gewesen zu sein. Frauen kennen diese Blicke, diese Attitüden, aus anderen Situationen, aus anderen Gruppen. Ich kenne diese Haltung von anderen Situationen, und gerade weil ich der Ansicht bin, daß hier etwas Gleiches, nicht Wicca-Spezifisches zur Debatte steht, erlaube ich mir diese Meinung.
Eine Wicca aus dem Forum schrieb zu dem Satz mit dem "Covenchef": "Hier habe ich ein echtes Verständnisproblem. Wieder nur aus meiner persönlichen Erfahrung gesprochen, kenne ich keinen (sich selbst als Wicca) bezeichnenden Coven, der von einem Priester geleitet würde. Ebenfalls kenne ich keine Priesterin, die einen Umgang mit Frauen, wie Du ihn beschreibst in ihrem Coven dulden würde."
Auch dazu kann ich nur sagen, so einfach ist es leider nicht. Der Hohepriester ist natürlich nicht der "Chef". Wenn, dann ist der Chef eher inoffiziell in dieser Position. Und es gibt Coven, die von einem Priester geleitet werden. Die Hohepriesterin bekommt in der Situation selbst nichts davon mit, weil diejenigen, für die sich eine Berührung, ein Verhalten schlecht anfühlt, ihren eigenen Gefühlen nicht trauen, und es ihnen wenn schon, eh erst später klar wird. Wie soll eine Hohepriesterin da denn einschreiten? Um mal wieder den Vergleich zu der Kleinfamilie zu bringen: Bekommt es die Mutter mit?
Wieso dann auf die armen Wicca? Oder wie ein Forenteilnehmer schrieb: »Doch das ist in dieser Gesellschaft ein allgemeines Problem,ob in der Firma oder in Familien. Wieso soll es das bei Heiden nicht geben, wenn Heiden auch nur ein Spiegel der Gesellschaft sind?
Wieso auch nicht bei WICCA-Gruppen oder solchen die sich so nennen. Doch wie steht es damit wenn es in einer Gruppe so gelaufen ist, alle damit zu belasten?« Wenn's das eh überall gibt? Nein, ganz so überall gibt es das nicht, es müssen schon mehrere Faktoren zusammenkommen, damit die sexuelle Übergriffe wahrscheinlich werden.
"Allerdings hat das wiederum nur nebensächlich mit den Inhalten von Wicca zu tun als mit ganz allgemeinen Vorgängen, die in Kliquen, Szenen und "verschworenen" Kleingruppen auftreten können.", schreibt ein Rabenclan - Forenteilnehmer. Und darum gucke ich mal an, was sind denn diese allgemeinen Vorgänge?
Ich bin keine Expertin für sexuelle Belästigung, jedoch ist es oft das gleiche: Entweder man hat soviel Macht, um die blanke Gewalt, Zwang auszuüben, oder man muß eine Situation schaffen, wo andere "freiwillig" tun, was man will. Ersterer Fall kommt bei Kindesmißhandlung vor, wenn die Kinder sich völlig in der Gewalt des Täters befinden, und sie keine Handlungsmöglichkeit haben. Sobald aber eine "Kooperation" des Kindes, zum Beispiel nichts zu verraten, nötig ist, geht das nahtlos dazu über, daß man Druck ausübt, und das Opfer zum Mittäter macht. Und darum geht es jetzt.
Es herrscht eine Athmosphäre vor, wo "Liebe" ein sehr hochstehendes Ideal ist. Romantisierung heißt, daß Liebe auf ein Podest gehoben wird, daß eine ideelle Verpflichtung besteht, sich gegenseitig zu lieben. Dabei kann Liebe nur unter solchen Bedingungen entstehen, wo die Liebenden in ihrem Willen frei sind. Trifft das nicht zu, entsteht ein "du mußt wollen". "Du mußt deinen Vater lieben, schließlich ist er dein Vater". "Vollkommene Liebe und vollkommenes Vertrauen." "Wir müssen uns liebhaben." Sätze wie diese gibt es viele.
Liebe wird meiner Ansicht nach romantisiert in Familien, heterosexuellen Beziehungen, sehr stark in der Ehe, und ähnlich symbolisch aufgeladenen Gruppen, und zu solchen gehören auch Hexencoven. Lies dir eine Beschreibung durch, was ein Coven ist, hör dir diese Sprüche an, wie "vollkommene Liebe und vollkommenes Vertrauen" und dann erklär mir, daß diese Gruppe nicht symbolisch überhöht ist. Sie erscheint mir oft in Beschreibungen wie ein Familienersatz. Aber das sind alles nur Indizien. Was dabei eben noch dazu kommt, ist eine intime Athmosphäre, eben eine Athmosphäre, wo eine Hexe laut ihrem Selbstverständnis "freizügig" sein soll, kein Problem mit Nacktheit haben soll, eine jede "Verklemmtheit" überwunden haben soll. Und diese beiden Faktoren, daß es "unhexisch" ist, wenn man verklemmt ist, und die Romantisierung von Liebe und Vertrauen gehen ein unglückliches Bündnis ein.
Sobald eine "Verpflichtung zu lieben" entsteht, ist man schon im Begriff, Liebe zu mißbrauchen. Manche würden sagen, daß der Mißbrauch dort schon begonnen hat, ich meine, das ist zwar noch nicht der Fall, aber damit schafft man eine Vorraussetzung, die einen Mißbrauch wahrscheinlicher macht.
"Vollkommene Liebe und vollkommenes Vertrauen"" ist eigentlich eine Vorraussetzung, einen Coven zusammen zu machen. Es darf nicht umgekehrt laufen, daß man einem Coven beitritt, und dann verpflichtet ist, diesen Zustand zu erreichen. Oder daß man Probleme mit der Liebe und dem Vertrauen ignoriert, weil dadurch der Coven gefährdet wäre. Naja, halt die gleichen Probleme wie in Familien, Beziehungen..
Diese Welt ist kein Paradies. Wenn wir uns die Strukturen ansehen, die um uns herum existieren, wie Kinder in Familien aufwachsen, wo Gewalt und Mißbrauch Methode sind, und die Zahlen sind erschreckend hoch, wenn wir die Vergewaltigungszahlen uns anschauen, die Sozialisation von Männern und Frauen, die Beziehungen von uns selbst und unserer Bekannten, dann können wir ermessen, was für ein verdammtes Stück Arbeit es ist, all diesen Mist, all diese Konditionierungen und Strukturen in einer engen, intimen gemischten Gruppe zu überwinden. Es ist für viele Frauen schon schwer, sie überhaupt für sich selbst zu überwinden, sich zu heilen, und mal ehrlich, wer glaubt denn daran, daß all die Leute, die in einen Coven gehen, diese Arbeit geleistet haben? Und dann sollen keine Reste übrig sein von dem, was wir mitbringen, unsere Prägungen?
Zu meiner Auffassung von Vergewaltigung noch eine Anmerkung: Adrienne Rich hat beschrieben, daß ganz normaler (1) heterosexueller Beischlaf und Vergewaltigung qualitativ der gleiche Vorgang sind! Zieht euch diesen Satz bitte einmal rein. Der Unterschied liege vielmehr auf der quantitativen Ebene. Einige mögen hier einfügen wollen, daß Vergewaltigung immer ein Akt der Macht und nicht der Sexualität ist.. gut, aber Sexualität, die man einfach so in ihrer Ideologie mit Frauen- und Männerrollen übernimmt, ist diese etwa kein Akt der Macht? Die Romantisierte Liebe gebietet, das toll finden zu müssen, so wie es ist. Bei Vergewaltigung fehlt dieser Vorhang der Romantik... Vergewaltigung ist gegen ihren Willen, beim normalen Sex wird ihr Wille vorausgesetzt... doch der Vorgang, die Handlung, ist qualitativ gleich.
Das bedeutet, daß die Verteilung von Rollen - Passiv/aktiv, die Ideologie von Verführung und "eine Frau nehmen" auch Dinge sind, die mit zum "Ballast" gehören, den man so mit sich rumschleppt.
Hierarchien sind auch ein großer Faktor im Spiel des Ganzen, vor allem, wenn sie nicht durchschaubar sind. Die "Älteren" haben immer eine mächtigere Position als die "Neuen", und wo es Hohepriester und Hohepriesterin gibt, die vielleicht nicht mal abgewechselt werden, kann leicht die Situation entstehen, daß die Handlungen der mächtigeren Personen nur von diesen interpretiert werden können. Die Neuen sind sowieso Schüler und können dann einen Vorfall gar nicht "deuten" - ihre Definitionen gelten dann nicht, ihre Unwissenheit wird dann gegen sie ins Feld geführt.
Wenn Eine sich in ein Schülerverhältnis begibt, und dann erzählt bekommt, das habe sie falsch verstanden, und ein paar philosophische Versatzstücke erklären, warum sie sich nicht schlecht dabei fühlen darf, dann wird eine Machtpostition mißbraucht.
Das ist vielleicht der auffälligste Faktor, der sexuelle Übergriffe begünstigt. Überall, wo ein Mantel des Schweigens drüberliegt, wo ein Täter nicht Gefahr läuft, an seinem Tun gehindert zu werden, kann man davon ausgehen, daß die Kacke am dampfen ist. Das nennt sich "Corpsgeist" - deshalb darfst du als Polizist auch nicht sagen, daß dein Kollege einem Flüchtling in der Zelle den Arm gebrochen hat, mußt in dem Fall sogar manchmal vor Gericht lügen. Und deswegen werden auch weiterhin Arme gebrochen werden.
Deswegen darf die Tochter nicht sagen, daß sie der Onkel vergewaltigt hat, denn sonst wird der Onkel ja ganz lange ins Gefängnis müssen, und SIE allein wäre schuld daran. Und sie darf es nicht sagen, weil ihre Eltern sonst ganz wütend auf sie wären.. oder, oder, oder.
Über sexuelle Übergriffe im Wicca zu reden, das darf man nicht, denn sonst kommt der böse Sektenbeauftragte und alle Wicca stehen dann am Pranger. Über Rituale eines Covens zu reden, ist eine Verletzung des "vollkommenen Vertrauens." Immer noch kann es soziale Ächtung mit sich bringen, wenn eine Person als Hexe geoutet wird. Das würde den Covengefährten schaden, wenn das rauskäme.. usw. usw.
Und daher wird es wohl weiterhin so sein, daß sich unter Pseodonymen im Internet darüber unterhalten wird, und daß die Betroffenen nicht mal in Foren, sondern nur per mail sich zu unterhalten wagen. Andererseits - vielleicht stimmt es dann doch alles nicht, vielleicht ist nichts dran, wenn die Betroffenen es nicht mal unter Pseodonym tun? Sind das doch alles Legenden?
Ich denke, alle Leute wissen Bescheid, daß der große Ritus, der die Vereinigung der Göttin mit dem Gott symbolisiert, meist symbolisch ausgeführt wird, indem ein Messer in einen Kelch gesteckt wird. Die Fälle, wo es nicht symbolisch geschieht, sollten sich, da sind sich viele einig, die beiden Ausführenden gut kennen und sich evtl. eh schon in einer Pärchenbeziehung befinden.
Der fünffache Kuß ist sowas wie, man küßt nen Anderen/eine Andere von oben bis unten auf fünf Punkte, und spricht dazu ne nette Segensformel.
Dies sind zwei Beispiele für Situationen, wo in Ritualen sexuelle Belästigung hinter der hexischen Praxis versteckt werden kann. Dabei sage ich nicht, daß die Handlung an sich schon belästigend ist, das wäre in der Tat verklemmt. Nee, es fühlt sich einfach anders an. Wenn du berührt wirst, weißt du genau, wann es den Punkt überschreitet, wo deine Grenze überschritten wird.
Dazu muß man sagen, daß viele heterosexuell-symbolische Handlungen für Lesben schneller Übergriffe bedeuten als für Heteras.
Beim großen Ritus ist es zum Beispiel für eine lesbische Hexe einfach eine Zumutung, daß jegliche erotische Kraft, die Lebenskraft, die ja mit dem Ritus verehrt wird, auf die Penetration (durch Messer und Kelch) reduziert wird.
Der Brauch, daß immer ein Mann und eine Frau zusammengehören, daß es jeweils von Mann zu Frau zu Mann zu Frau im Kreis geht tut auch ein übriges, damit sind zB lesbische Hexen in gemischten Coven benachteiligt. Sie werden nur als Frau, aber nicht als lesbische Frau gesehen und behandelt. Und daher wird das oft nicht verstanden, was die sich denn so "anstellen".
Dieses Nichthören auf die Bedürfnisse lesbischer Frauen - es IST eine Form von Diskriminierung, und wenn eine Lesbe keinen Mann in den Schritt küssen will, und es wird vom Ritual so vorgegeben, ist das eine sexuelle Nötigung/Belästigung. Naja, ich weiß nicht, wieviele Lesben schon in dianische Gruppen abgewandert sind, aber ich würde es tun.
"Im Wicca-Kult wird sehr stark mit emotionalen und sexuellen Energien gearbeitet. Dabei ist es praktisch unvermeidlich, daß unverarbeitete Konflikte, Sehnsüchte und Ängste aus diesen Bereichen herausgelockt werden. Wenn nun die Zeremonien wirklich Feste der Götter sein sollen, und das sollten sie meiner Ansicht nach, und kein bloßes Ausleben psychischer Verkrüppelungen, dann müssen die Konflikte möglichst außerhalb dieses Rahmens gelöst werden.
Nun ist es aber eher die Regel als die Ausnahme, daß bewußt oder unbewußt angenommen wird, durch die Einbindung in einen Coven sei das Problem automatisch gelöst, die Angst verschwunden, die Sehnsucht befriedigt. Eine Religion sollte meiner Meinung nach mehr sein als ein Mittel, um Bedürfnissen, derer man sich schämt oder die man nicht eingestehen möchte, zu legitimieren. Wenn man sich beispielsweise sein ganzes Leben lang seines Körpers und seiner Sexualität geschämt hat ist noch so gut wie nichts damit erreicht, wenn man achtmal im Jahr nackt über die Wiesen hopst, den Großen Ritus vollzieht und die ganze Sache für heilig erklärt. Ein solcher Akt kann zweifellos die Befreiung der Sinnlichkeit unterstützen, aber nur sofern man auch außerhalb dieses Rahmens gezielt auf eine Veränderung hinarbeitet. Rituale können Veränderungen einleiten und Kräfte mobilisieren, die dem Betreffenden helfen, sie durchzuführen, doch man gewinnt nichts dadurch, daß man ein Ritual als Flucht in eine Scheinwelt benutzt."
Aus:Anonyme AutorInnen: Das Hexenbuch; authentische Texte moderner Hexen zu Geschichte, Magie und Mythos des alten Weges, München 1987Ich denke, da klingt es ganz gut an: Mit dem Arbeiten mit sexuellen Energien und dem sich-Anvertrauen in einem Coven ist eine sehr große Verantwortung für sich selbst verbunden. Ich bezweifle, daß wir heute soweit sind, um den Vorraussetzungen "vollkommene Liebe und vollkommenes Vertrauen" wirklich gerecht zu werden. Ich meine, daß es da schwule und lesbische Coven leichter haben, eben weil ihre Beziehungen nicht von einer Geschlechterhierarchie von vorneherein überschattet werden. Sie haben sozusagen "ein Problem weniger" um dran zu kauen. Es kann eben nicht sein, daß alles schöngeredet wird, und wir so tun, als hätten die einzelnen Menschen diese Verzerrungen, die in dem Interview zur Sprache kommen, schon gelöst und bearbeitet. Und das öffnet eben Tür und Tor dafür, daß das Patriarchat und dessen verzerrte Sexualität, die Frauen das Kuschen und Männer das Dominieren lehrt, auch mit in die Gruppen schleicht.
Machtunterschiede können natürlich nicht nur zwischen Geschlechtern bestehen. In den jetzigen heterosexuellen Beziehungen sind symbolische Machtunterschiede eingeschrieben. Es gibt aber auch Machtunterschiede im Alter und der Erfahrung, die z.b. dazu führen, dass ältere und erfahrenere Menschen jüngere und unerfahrenere Menschen missbrauchen können, weil sie die Macht haben, es zu tun. Das können auch Frauen gegenüber jungen Männern oder Jungen sein. Oder es kann zwischen Leuten die das gleiche Geschlecht haben, passieren. Im Grund genommen sind Unterschiede zb in konkreter gesellschaftlicher Macht, Alter und Erfahrung auch schwerwiegender als das rein kulturell genormte "Männer sind halt so.." und "Frauen sind halt so..". Aber das geht Hand in Hand, so dass Frauen zb oft ältere/mächtigere Männer suchen und sich mit gleichgestellten oder jüngeren/nicht mächtigeren Männern gar nicht "richtig" fühlen. Also sucht sich der symbolische Machtunterschied einen Weg, zu einem konkreten Machtunterschied zu werden.
So, na jedenfalls gibt es diese konkreten Machtgefälle wie gesagt auch zwischen älteren, erfahrenen Frauen und Jungs und jungen, unerfahrenen Männern. Wenn zwischen solchen etwas in Richtung Missbrauch läuft, kann der junge Mann oder der Junge auch oft nicht mal sagen dass ihm was passiert ist, was sich schlimm anfühlt, oder dass er missbraucht worden ist. Weil die Gesellschaft um ihn rum das nicht wahrhaben will. Da wird's dann so gehandelt, als habe die Frau dem Jungen ja was Gutes getan, und ihn in die Sexualität eingeführt oder so ähnlich. Das ist auch eine Folge vom symbolischen Mann/Frau-Gefälle.. der Mann der sagt er sei Opfer, verliert dadurch symbolisch an Männlichkeit, und die Frau ist symbolisch nicht als Täterin denkbar. Deswegen will so etwas keiner hören. Weiter unten habe ich deswegen einen generellen Artikel über Frauen als Täterinnen verlinkt. Dies einfach mal als Ergänzung zum Thema Missbrauch unabhängig vom Thema Hexentum.
Es ist nichts passiert. Das sind alles nur Legenden. Das ist dummes Gerede von irgendwelchen hysterischen Lesben. Das sind "Urban Legends". Es ist nichts passiert.
Anmerkungen:
1) Beachtet bitte, daß ich hier von "als normal propagiertem" heterosexuellem Geschlechtsverkehr rede, und nicht von den Formen, die zwei Menschen abweichend von dem Bild der "Normalität" für sich entdecken. Hier ist das Zitat:
"MacKinnon stellt die qualitativen Unterschiede zwischen sexueller Belästigung, Vergewaltigung und normalem heterosexuellen Geschlechtsverkehr radikal in Frage. ("Wie ein Vergewaltiger es ausdrückte, hatte er nicht mehr Gewalt angewendet, als für Männer beim Vorpiel üblich ist") Sie kritisiert, daß Susan Brownmiller die Vergewaltigung aus dem gewöhnlichen Alltag ausklammert und schlichtweg behauptet: "Vergewaltigung ist Gewalttätigkeit, Koitus ist Sex", womit sie die Vergewaltigung völlig vom Bereich des Sexuellen abtrennt. MacKinnons entscheidende Argumentation ist folgende: "Vergewaltigung aus dem Bereich "Sex" herauszunehmen und statt dessen in den Bereich "Gewalttätigkeit" einzuordnen, erlaubt es einem, gegen Vergewaltigung zu ein, ohne sich auch nur zu fragen, inwieweit die Institution Heterosexualität Gewalt als normalen Anteil des "Vorspiels" definiert" (..)
"Nie wird die Frage gestellt, ob der Begriff "Einverständnis" unter den Bedingungen einer Männerherrschaft überhaupt einen Sinn hat" (Adrienne Rich: Zwangsheterosexualität und lesbische Existenz, aus: List/Studer: Denkverhältnisse, Frankfurt/Main 1989)
Da ist er also immer noch - der meistgelesene Artikel im Gynozentrischen Knistern. Mittlerweile gibt es ein Rabenclan-Foren-Archiv, wo aber die Originaldiskussion, die ich als Anregung für diesen Artikel genommen habe, gar nicht mehr vorhanden ist. Dafür gibt's ne überwiegend positive Besprechung dieses Textes im Forenarchiv, die ich grad erst entdeckt habe ;)
Nicht ganz so positiv kam der Text an bei Ave Satani, wo der Threadstarter Damien nicht allzu erbaut war *gg* (Ave Satanis Webseite existiert nicht mehr, daher habe ich den Link entfernen müssen.)
Tja, so im Nachhinein: In den letzten zwei Jahren habe ich ab und zu überlegt ob ich den Artikel etwas abschwächen sollte. Ich habe ja damals noch nicht mal Wiccas gekannt. Ich habe ihn aber nie geändert. Ich denke, so an sich ist er durchaus "rund" - es sind rein theoretische Überlegungen, auch von einem radikal-feministischen Standpunkt aus wo die Schwelle für das, was als Belästigung oder Machtausübung/Missbrauch gilt, bewusst sehr sehr niedrig gelegt wurde. Um eben klar zu machen, wie unnormal das Normale eigentlich ist, und das große Fazit ist nun einmal dass wenn wir eine neue, andere Sexualität entwickeln wollen, dass wir uns dann einfach gehörig 'ne Platte (= nachdenken, Anm. der Mundartsprecherin) darüber machen müssen. Und in Mysterien-Kulten, in der die Energie gern zwischen zwei geschlechtlichen Polen aufgebaut wird, und wo dadurch sexualmagische Energien zum Arbeiten verwendet werden, muss man sich diese Platte eben auch machen. Von daher - lasse ich den Text nach wie vor stehen wie er ist.
Anmerkung August 2004:
Hinzugekommen ist ein Absatz über Machtunterschiede, wo es auch darum geht dass nicht immer Männer die Täter und Frauen die Opfer sind. Angeregt wurde das durch einen Besucher der Seiten und des Forums, der den Mut hatte das Thema "Als Mann Opfer von Missbrauch sein" anzusprechen.
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